Im Glemmtal ist das Märchen vom Sterntaler wahr geworden. Gold fiel aus den Wolken, und die Bauern von Saalbach im Mitterpinzgau wurden reich.

Zu Beginn dieses Jahrhunderts noch war ihr Dorf eine ärmliche Zusammenballung von nüchternen bäuerlichen Zweckbauten. Es gab keine Tiroler Dächer, keine Balkons mit geschnitzten Gittern, kein Bauernbarock und keine Heimatfilmromantik. 156 Häuser und zwei Gasthöfe, um den Zwiebelturm einer alten Kirche gruppiert – das war alles.

Heute ist Saalbach ein Mini-Kitzbühel mit elf Hotels, 31 Pensionen, 44 Frühstückspensionen und elf Touristenheimen, mit Bars, Cafés, Sauna und Hallenbad, mit Beatband und Diskothek, mit Gin-Tonic und Hummer vom Grill. Vor allem aber ist es eine perfekte Weißes-Rößl-Kulisse mit Zirbelholzfassaden und bunt bemalten Hauswänden, ohne Misthaufen und Stallgeruch, ohne die Miasmen von Rotlauf und Maul- und Klauenseuche. Hygienisch einwandfrei zurechtgemacht, sozusagen zellophanverpackt, präsentiert es sich als das Produkt eines architektonischen Facelifting. Die künstlich geschaffene Alpenidylle wurde zum Gütesiegel für eine konsumierbar gemachte, ehemals bäuerliche Daseinsform auf der Basis von Schnee und Höhenluft.

Von dem Produkt Saalbach läßt sich auf einen Produktionsprozeß schließen, der langwierig und kostspielig gewesen sein muß. Begonnen hat er kurz vor der Jahrhundertwende. Dorfintellektuelle, nicht Bauern, haben ihn ausgelöst. Der erste in ihrer Reihe: ein Dorfschullehrer. Ihm waren ein paar Skier in die Hände gefallen, und er hatte begriffen, daß diese Bretter mehr bedeuten als nur die Möglichkeit, sich im Schnee schneller fortzubewegen. Er besuchte einen Skikurs in Zell am See, lehrte, zurückgekehrt, selbst Stemmbogen und Schwungkristiana und animierte die Dorfbewohner zum Bau eigener Bretter; der Schreiner schnitt sie, und der Schmied setzte die Bindungen drauf. Damit begann der Skisport im Glemmtal heimisch zu werden, und das weiße Kapital, das den Bergbauern vom Himmel herab auf ihre Wiesen fiel, trug die ersten Zinsen.

Bereits am 11. Januar 1907 schrieb das „Salzburger Tagblatt“: „In denWeihnachtsferien wimmelt es geradezu in Saalbach von Skifahrern...“ Der Produktionsprozeß war angelaufen.

Weitergetrieben wurde er zunächst wiederum nicht von den Bauern, sondern von einem zweiten Lehrer, der aus St. Anton am Arlberg kam, von einem im Glemmtal ansässigen Maler, einem Förster, einem Elektriker und einem Wirt. Diese fünf taten sich zusammen und gründeten jenen Wintersportverein, aus dem sich später die Organisationszentrale des heutigen Großunternehmens Saalbach entwickeln sollte, dem Verkehrsverein.

Die weitere Entwicklung verlief mit großer Geschwindigkeit, begünstigt ausschließlich vom Schnee. Denn Saalbach ist nicht, wie die Mehrzahl der übrigen Alpenkurorte, im Sommer erschlossen und dann auch für den Wintersport entdeckt worden. Saalbach hat als Skiort begonnen und sich erst sehr viel später auch einen Sommerbetrieb zugelegt.