Die Franzosen sind alles andere eher als optimistisch ins neue Jahr hineingegangen. Die Frühjahrskrise des Jahres 1968 steckt ihnen nach wie vor in den Knochen.

Am Jahresende befürchteten nach einer Meinungsumfrage über zwei Drittel der Franzosen neue wirtschaftliche Störungen. Fast jeder zweite rechnete mit einer Abwertung des Franc. Die Mehrzahl der Franzosen zweifelt offensichtlich an der Fähigkeit ihrer Regierung, die „Quadratur des Zirkels“ zu bewerkstelligen, das heißt, mit deflationistischen Methoden eine Wirtschaftsexpansion in Gang zu bringen.

Das ist insofern verwunderlich, als sich die französische Währungssituation in den letzten Wochen erheblich gebessert hat. Die strenge Devisenbewirtschaftung in Verbindung mit der allgemeinen Beruhigung der Währungssituation hat immerhin bewirkt, daß Millionen Dollar wieder in die Kassen der Bank von Frankreich zurückgeflossen sind. Einschließlich der internationalen Stützungskredite verfügen die französischen Währungsbehörden heute wieder über eine Manövermasse von 7 Milliarden Dollar, die zur Verteidigung des Franc eingesetzt werden können. Hinzu kommt, daß sich die Konjunktur wieder merklich belebt hat.

Am Jahresende lag der industrielle Beschäftigungsindex um etwa 10 Prozent über dem des Vorjahres. Auch der Außenhandel zeigt eine Tendenz zum Ausgleich, trotz der kürzlich verfügten Aufhebung der meisten Einfuhrbeschränkungen. Auch die Arbeitslosigkeit hat in den letzten Wochen – saisonal bedingt – abgenommen. Schließlich hat der Preisauftrieb mit etwa 5 1/2 Prozent am Jahresende den von der Regierung erwarteten Satz für 1968 nur wenig überschritten. Was für das kommende Frühjahr droht, ist freilich eine neue Preishausse.

Deshalb stellt sich die Frage, ob Frankreich um eine Abwertung herumkommen wird, und sei es auch nur eine „kalte Abwertung“. Jacques Duhamel beispielsweise, der angesehene Führer der französischen Mittelparteien, glaubt, daß die Wirtschaftsprobleme seines Landes nicht anders zu lösen seien.

Die wirkliche Gefahr für den Franc droht jedoch weniger durch die von de Gaulle verdammte Devisenspekulation, von den „Schakalen, die sich auf kranke und verletzte Währungen stürzen“ („L’Express“), sondern von den innenpolitischen, wirtschaftlichen und sozialen Gegensätzen, an denen die Fünfte Republik seit langem, besonders aber seit der Mai-Juni-Krise krankt. Wie in England die Pfundkrise letzten Endes das Ende des britischen „Empire“ widerspiegelt, so bezeichnet die – trotz der Devisenzuflüsse – latente Schwäche des französischen Franc den Übergang Frankreichs von der Fünften Republik in ein – heute noch in Nebel gehülltes – nachgaullistisches Regime.

Das neue (Wirtschafts)Programm der Regierung Couve de Murville scheint eher geeignet, diesen Übergang zu beschleunigen als aufzuhalten, statt für die wirtschaftlichen und sozialen Interessengruppen des Landes eine einheitliche Zielsetzung zu schaffen. Inzwischen zeichnet sich bereits die nächste „Runde“ im Kampf zwischen Kapital und Arbeit ab. Diese neue Runde könnte Frankreich abermals an den Rand des Abgrunds führen.