Die wichtigste Voraussetzung für einen Designer und jeden, der mit der Mode gehen will, ist die Fähigkeit, seine Meinung sofort darüber zu ändern, was schön und was häßlich ist.“ Dieses im Jahre 1964 von Mary Quant, der englischen „Queen des Minirocks“, recht selbstbewußt formulierte Erfolgsrezept wurde nun für sie zum Bumerang: Die erste, inzwischen tausendfach kopierte Boutique der Mary Quant – der Londoner „Bazaar“ in Chelseas Kings Road – schließt dieser Tage seine Türen.

In diesem, über Europas Grenzen hinaus bekannten Laden, war einst der berühmte „Chelsea Look“ kreiert worden: Lederstiefel, schwarze Strümpfe, permanent zwei Nummern zu enge Pullis und viele andere modische Spielereien, die den meisten Kundinnen zu ihrem dritten Geburtstag freilich mehr Bewunderung eingebracht hätten.

Die Schaufenster des „Bazaar“, die einstige Spitzenattraktion in Chelseas Hauptstraße, haben ihre Anziehungskraft verloren. Längst vergangen ist der Enthusiasmus der Kunden über die Dekoration der Schaufenster; das waren zum Beispiel leere Milchflaschen, zwischen denen ein offensichtlich im Suff bekritzelter bunter Zettel prangte: „Sind angeln gegangen!“

Vergessen ist auch das Gelächter über die einstmals ständig unter dem Ladentisch stehende Whiskyflasche, aus der sich jeder Kunde Mut antrinken konnte, um sich auch in einer Kombination aus lila Samt und buntkariertem Kammgarn schließlich unwiderstehlich vorzukommen.

Lang ist es auch her, daß interessante Leute aus allen Berufen von morgens bis Mitternacht diese Boutique besuchten, ihre in allen exklusiven Modemagazinen der Welt angepriesenen klassischen englischen Kaschmir- und Tweed-Kleider in die nächste Ecke warfen, um schließlich gleich darauf in Kombinationen aus Punkten und Karos, Leder und Chiffon, Streifen und Blümchenmustern selbstgefällig im Laden auf und ab zu paradieren.

Mary Quant behauptete damals auf dem Höhepunkt ihrer Karriere: „Kleider sind längst kein Statussymbol mehr. In meinem Laden kaufen Gräfinnen, Akademikerinnen und Hilfsarbeiterinnen die gleichen Kleider.“ Sie habe, so behauptete sie, die Klassenschranken in der englischen Damenmode beseitigt. Wie berechtigt dieser ziemlich unbescheiden klingende Anspruch war, offenbart jetzt die Schließung ihrer Boutique.

In jedem Fall ist aber etwas anderes bestehen geblieben, nämlich die von der Quant errichtete Barriere des Alters, dessen Opfer die nunmehr Fünfunddreißigjährige jetzt selber geworden ist. Der Ausspruch einer bekannten Engländerin – „Zwanzig Jahre gehörst du zur Avantgarde, und plötzlich bist du eine alte Schachtel“ – wurde ihr selber zum Verhängnis.