Manche Zugvögel finden, durch ein angeborenes inneres „Zeitprogramm“ in ihre artgemäßen Winterquartiere. So lautet eine Hypothese des Verhaltensforschers Dr. Eberhard Gwinner vom Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie.

Zu dieser Annahme kam Dr. Gwinner, als er entdeckte, daß Fitis-Laubsänger und Wald-Laubsänger, zwei unscheinbare Singvögel, eine angeborene Jahresperiodik besitzen. In einer temperaturkonstanten Kammer, die zwölf Stunden am Tage künstlich beleuchtet wurde, mauserten die Vögel etwa zur selben Zeit und wurden zur selben Zeit „zugunruhig“ wie die Wildvögel der gleichen Art. Auch die jahresperiodischen Schwankungen des Körpergewichts stimmten zwischen Kammervögeln und Wildvögeln überein.

„Zugunruhe“ nennen die Vogelkundler das unruhige Von-Stange-zu-Stange-Hüpfen, das bei gekäfigten Zugvögeln termingerecht im Herbst und Frühjahr zu beobachten ist. Diese Unruhe gilt als ein Ausdruck der Zugstimmung und kann meßbar gemacht werden, indem man die Käfigstangen mit elektrischen Kontakten und einer Zählautomatik verbindet.

Da Dr. Gwinners Versuchsvögel nur höchstens acht Monate unter natürlichen Lichtverhältnissen gelebt haben, bevor sie in die Kammer kamen, muß ihre Jahresperiodik angeboren sein. Bei einem Versuchsvogel, der 27 Monate lang in der Kammer lebte, wich die Periodik unter den konstanten Verhältnissen ein wenig, aber deutlich von zwölf Monaten ab. Das dürfte nicht eintreten, wenn der Jahresrhythmus von irgendwelchen geophysikalischen Einflüssen gesteuert würde. Denn solche Einflüsse könnten ja nur streng kalendergebunden als „Zeitgeber“ wirken.

Die angeborene Jahresperiodik muß also ein „innerer Jahreskalender“ sein, ähnlich der schon vielfältig, nachgewiesenen „inneren Uhr“, die eine 24-Stunden-Periodik ist. Ein angeborener und endogener Jahresrhythmus ist bisher nur bei wenigen Tierarten mit Sicherheit belegt worden.

Dieser Jahreskalender, so nahm Dr. Gwinner an, könnte die nächtlich wandernden Laubsänger im Herbst und im Frühjahr aktivieren, wobei ein festgelegtes Zeitprogramm die Zugstimmung eine bestimmte Anzahl von Nächten lang in einer bestimmten Intensität aufrechterhält. Ist das Programm abgelaufen, so befindet sich der Vogel, der jetzt nur noch zur Richtungsorientierung befähigt sein muß, in seinem artgemäßen Winterquartier.

Für diese Hypothese hat Dr. Gwinner nun eine Stütze beibringen können. In der „Zeitschrift für Tierpsychologie“ berichtet er von einem Versuch mit Fitis-Laubsängern und den gleichfalls zu den Laubsängern gehörenden Zilpzalpen – so genannt nach dem einförmigen Gesang. Beide Arten sind in Gärten und Parks Mitteleuropas fast überall häufig. Ihre Winterquartiere in Afrika liegen jedoch deutlich voneinander getrennt. Während der Fitis-Laubsänger zwischen dem Äquator und der Südspitze Afrikas überwintert, bleibt der Zilpzalp überwiegend schon im Mittelmeergebiet und in Nordafrika hängen.