Wolfgang Nette: „DDR-Report“; Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf 1968; 126 Seiten, 8,50 DM.

Zurückhaltung ziert diesen Arbeitsbericht. Dabei ist die Reportage von Wolfgang Nette hervorhebenswert, denn immer weniger Menschen machen sich hierzulande Gedanken über die innere Entwicklung des anderen Deutschlands. Der Autor, seit Ende 1962 für den Westdeutschen Rundfunk in Berlin tätig, schwamm gegen den Strom – er reiste durch die Deutsche Demokratische Republik und führte einen moralischen Auftrag aus: Denken an Deutschland.

In dem Land, das Nette „entdeckt“ hat, lebt ein lange eingeschüchtertes, endlich satt gewordenes und dank steigendem Konsum etwas verspießertes Völkchen, das nach Unschuld und Frieden lechzt. Wolfgang Nette bestellt ihm einen Repräsentanten. Das Auftreten von Herrn Dahte, dem Leiter des Ostberliner Tierparks, schreibt er, habe „eine positivere Auswirkung für das allgemeine Ansehen“ des Staates als die Erscheinung etwa eines „Steiningers“ (richtiger: P. A. Steiniger, Opfer eines westlichen Druckfehlers), des Völkerrechtlers an der Humboldt-Universität. Die Unschuld ist dennoch nicht gegen geschickte Sophismen abgesichert: Man ist drüben, auf Regierungsempfehlung, „stolz“ auf die eigene Leistung – und vergißt dabei, daß die Gelder aus dem Marshallplan auf Anweisung Stalins abgelehnt wurden; man möchte als Tourist nach überall hinfahren – der Westen ist aber an den Reisebeschränkungen schuld (sagt die Behörde); man ist, zugegeben, vorläufig ärmer als die überheblichen Parvenüs in Westdeutschland – wer weniger hat, muß aber im Recht sein, sonst wäre das Weltbild schief. Aus sachlichen Unterschieden entstehen also psychische Antagonismen.

Auch das bundesrepublikanische Denken ist von Stereotypen belastet. Ein Verdrängungsmechanismus verwischt die Konturen des ostelbischen „fernen Landes“. Zwei Mitglieder der französischen Kommunistischen Partei betitelten ein Buch über das Deutschland jenseits von Elbe und Werra zutreffend „un pays méconnu“, ein verkanntes Land. Aber die ausländische Leserschaft scheint in puncto Ostdeutschland wissensdurstiger als diejenige der Bundesrepublik zu sein. Vielleicht meint man hier a priori alles zu wissen. Mehrere Umfragen ergaben jedoch: Die „befragte Nation“ in Westdeutschland in der Mehrheit aller ihrer sozialen Gruppen wünscht Erleichterungen der geistigen und physischen Kommunikationen mit der unbefragten Nation in Ostdeutschland. Nach den jüngsten Erhebung gen von Professor Rudolf Wildenmann (Universität Mannheim) wird dieser Wunsch erst bei den Studenten ausgesprochen politisch, wenn auch nicht für die Mehrheit von ihnen: 46 Prozent der 3000 von Wildenmann befragten Studenten wollten die Deutsche Demokratische Republik anerkennen (Gesamtbevölkerung: 22 Prozent). Aber auch die Studenten (und nicht zuletzt in der Apo) sind über die Verhältnisse „drüben“ unzureichend informiert. Es ist vielsagend, daß kaum jemand in der Bundesrepublik vom freien Zeitungsimport ostdeutscher Zeitungen Gebrauch macht.

Die Erkenntnis der Wirklichkeit kostet immer Überwindung. Aber auch Reisende aus dem „kapitalistischen“ Deutschland können ihre Scheuklappen ablegen. Dafür haftet Nette. Sein Weg, ein „dritter Weg“ zwischen den Fronten, verläuft unparteiisch wie derjenige des staunenden Fremdlings in Montesquieus „Persischen Briefen“. Ausländischen Beobachtern hat er voraus, daß er als Deutscher empfindlicher ist für die Sprach- und Denkentfremdung.

Jean-Paul Picaper