Unter allen tiefgreifenden Umwälzungen, in denen sich die Welt befindet, ist die Revolution und Expansion auf dem Sektor Reise die schnellste und, wie könnte es anders sein, die mobilste. Die leiseste und gefälligste auch, und sie zeitigt noch immer neue Wunder: Die inflatorischen Preise, die den Konsumenten bedrücken, hier steigen sie kaum, oft fallen sie. Die Verkehrsmittel werden immer komfortabler, und das Angebot wird, trotz der unaufhaltsamen Entwicklung des Massentourismus, immer differenzierter. Denn, weil es eine dynamische Branche mit schier unbegrenzten Möglichkeiten ist und weil die immer perfekter und in der Luft immer größer werdenden Transportmittel nach immer mehr Reisenden verlangen, ist jetzt eine Phase erreicht, in der nicht mehr nur die Nachfrage gestillt werden muß, schon wird von Marktsättigung gesprochen, und ein starkes und immer überzeugenderes Angebot soll neue Wünsche erwecken und höhere Ansprüche erfüllen. Denn es ist mit dem Verkauf von Reisen schwieriger geworden, nicht nur, weil die Kapazität der Verkehrsmittel und Hotels schneller wächst als die Zahl der Reisenden, sondern auch durch die verstärkte Konkurrenz, nicht allein der Versandhäuser (neu „Medaillon-Moden“), vielmehr neuer Außenseiter aus fremden Branchen, der Klubs, Vereine und Kreditinstitute mit speziellen Urlaubs-, Spar- und Darlehensformen (Caravelle-Club, IOS) und der Zeitschriften (neu der „Stern“ mit Studienreisen).

Und schon zeichnet es sich ab, daß die Luftfahrtgesellschaften gezwungen werden könnten, noch direktere Vertriebswege zu wählen, um Kunden, zu finden, die Urlaubsflüge unter Umgehung der „Zwischenhändler“ (der Veranstalter und Reisebüros) buchen und die immer größer und immer schneller werdenden Maschinen füllen. Auch die Bahnen bleiben nicht müßig, um ihre Zukunftschancen durch immer raffiniertere Einfälle (mehr Luxus, umsteigen vom Auto auf die Schiene) und witzige Angebote (rosa Zeiten) zu steigern.

Kein Zweifel, daß die amerikanische Beobachterin des Reisemarktes, Mary Cameron, in einem Beitrag der Zeitschrift „Travel Agency“, „Those Jumbos: Greater understanding needed“, recht hat mit der Ansicht, das Publikum sei für das Jumbo-Jet-Zeitalter psychologisch völlig unvorbereitet. Vieles sei bisher versäumt worden. Wahrscheinlich habe man sich gesagt, weil es bei der Einführung der Boeing 707 keine Schwierigkeiten gegeben habe, brauche man sich also auch keine Sorgen zu machen, wenn die Zahl der Passagiere verdreifacht werde. Sich so zu verhalten wäre aber, so meint die Verfasserin, gefährlich. In einer Menge von 360 Menschen in der Luft zu hängen und endlose Reihen von Passagieren vor sich zu-sehen, sei für viele Reisende unerträglich. Es müßte für kleinere Abteile gesorgt werden, es müßte mehrere Eingänge geben, und die Sorge müßte genommen werden, auf den Flugplätzen in fürchterliches Gedränge zu kommen. Wieviel Passagiere eine Maschine transportieren könne und dürfe, gehe nicht nur die Ingenieure, sondern auch die Psychologen an.

Das Wunder des Fliegens ist ohnehin noch nicht allgemeine Überzeugung, die Hoffnung aber, daß das Fliegen eines Tages für jedermann erschwinglich sei, hänge mit der Gewöhnung des Publikums an diese großen Maschinen zusammen und, damit gekoppelt, mit niedrigen Flugpreisen, die aber gerade kürzlich erst verworfen wurden.

Vorläufig verreist aber selbst im reisefreudigen Deutschland, wie wir wissen, überhaupt nur jeder zweite Bundesbürger, und von der reisenden Hälfte verbringt ein großer Teil die Ferien bei Verwandten. Dazu kommt, daß jährlich immer mehr Familien über ein Kraftfahrzeug verfügen, das oft nur dazu dient, um am Wochenende und in den Ferien unabhängig reisen zu können. Und: Die Reiseausgaben müssen nicht nur mit den anderen Konsumgütern konkurrieren, sondern sie geraten mehr als andere Konsumgelüste in Widerstreit mit der Neigung zum Sparen.

Bisher haben die Reiseveranstalter ihre Chancen genutzt und nicht nur den Sozialtouristen billige Reisen verkauft, sondern mit individuellen Pauschalreisen auch die Leute mit höherem Einkommen erreicht. Durchschnittlich werden von den Urlaubern in Deutschland 470 Mark für die Ferien ausgegeben, im Ausland 580 Mark – in Österreich 520, im als teuer verschrienen Frankreich auch nur 540 Mark, in Jugoslawien, den Niederlanden, der Schweiz und Italien 630 bis 670 Mark, in Spanien bei der langen Anreise 810 Mark.

Jetzt heißt die Devise: Mehr Service und differenziertere Angebote, um vor allem die noch nicht Reisenden anzusprechen, diejenigen ohne Erfahrung und die Ängstlichen zu verführen und andererseits auch die selbständig Reisenden (so die Autofahrer) davon zu überzeugen, daß sie bequemer und billiger in den Urlaub reisen, wenn sie ein Pauschalarrangement wählen.