Von Erich Gottgetreu

Ich besitze noch die von ihr selbst getippte Einladung, in der es fast streng hieß: „Adon, Gewereth, am 20. Juli Sonntag abends 8 Uhr liest Else Lasker-Schüler ihr neuestes Schauspiel aus dem Manuscript ihres zweiten Palästinabuchs vor geladenen Gästen. Eintritt nur auf Vorzeigen dieses Schreibens! Unkostenbeitrag 20 Mils.“

Die Szene, wie die Dichterin damals, im Jahre 1941, schwarz gekleidet, das Gesicht von zwei Kerzen beleuchtet, im orientalisch überkuppelten Saal eines alten arabischen Hauses in Jerusalem in ihrem Theaterstück „Ich und Ich“ prophetisch das Schicksal des „Führers“ verkündete, ist unvergeßlich: „Er hinterläßt nicht Asche, nicht das kleinste Häufchen Schutt! / Es folgt ein unerlöster Tod dem Antichrist und Antijud...“

Das Stück hat Jerusalem und die Hölle zu äußeren Schauplätzen – der innere Schauplatz reicht viel weiter, denn auf diesem Visionstheater ersteht alles, was damals das Gemüt der Dichterin bewegte und ihre „Herzensbühne“ – das Wort ist ihre eigene Prägung – zum Tribunal werden ließ.

Die Lesung fand im Rahmen der Veranstaltungen des von Else Lasker-Schüler gegründeten „Kraal“ statt. Obwohl sie in den letzten Jahren ihres Lebens hier in Jerusalem von vielen als geistesgestört angesehen wurde – beispielsweise von Max Brod, der ihr gegenüber geradezu Furcht empfand –, führte sie die „Kraal“-Abende mit erstaunlichem Organisationstalent durch. Sie warb die Vortragenden an, unter ihnen führende Gelehrte, Schriftsteller und Journalisten; sie reservierte die häufig wechselnden Räumlichkeiten, darunter den Betraum einer Synagoge, Schulzimmer, Klublokale und einmal auch den Verkaufsraum einer Milchwirtschaft, deren Leiterin ihre literarischen Interessen teilte; und sie tippte auf einer alten Schreibmaschine die Einladungen oder schrieb sie mit Bleistift oder Buntstift auf verschiedenformatige Zettel. Manchmal verschickte sie die Einladungen mit der Post, trotz ihres tiefen Mißtrauens gegen staatliche Briefkästen – lieber trug sie sie allerdings persönlich aus.

Außer „Ich und Ich“ las Else Lasker-Schüler bei einer anderen Gelegenheit noch ein zweites Theaterstück im „Kraal“ vor: die 1932 entstandene Bühnenfassung von „Arthur Aronymus und seine Väter“, die der deutsch-jüdischen und christlich-jüdischen Koexistenz und Versöhnung das Wort redete. Von Auschwitz wußten wir noch nichts, als uns die Dichterin das sich bilderbogenhaft abrollende Drama vortrug – ein gut gebautes Theaterstück, von dem sie einmal sagte, ihr toter Großvater habe es ihr, hinter ihrer linken Schulter stehend, in die Feder diktiert. Aber wie hatte sie Auschwitzer Möglichkeiten bereits vorausgeahnt, als sie die vor mehr als einem Jahrhundert im Westfalendorf Gäsecke herrschende Pogromstimmung beschrieb, die das bis dahin friedliche Zusammenleben zwischen Christen und Juden zu zerstören drohte, nachdem eins der dreiundzwanzig Kinder des Gutsbesitzers Moritz Schüler vom Veitstanz befallen und deshalb der Hexerei verdächtigt worden war. „Unsere Töchter wird man verbrennen auf Scheiterhaufen!“ ruft einer der Gäsecker jüdischen Kaufleute, und die anderen ergänzen: „Nach mittelalterlichem Vorbild ... und Greueln ... Der Hexenglauben ist auferstanden ... Aus dem Schutt der Jahrhunderte ... Die Flamme wird unsere unschuldigen jüdischen Schwestern verzehren...“

Wiederholt las Else Lasker-Schüler in „Kraal“-Veranstaltungen eigene Gedichte. Bei diesen Gelegenheiten war sie stets festlich gekleidet, und Feierlichkeit trug ihr Wort – in welch erschütterndem Gegensatz stand dies alles zu dem üblichen Alltag, da wir die schmächtige, wenig gepflegte Figur, durch ihre schwarze Pelzkappe von weitem erkennbar, in den Jerusalemer Straßen sahen oder auf einer Bank sitzend fanden.