Aus einem Interview des Ostberliner Professors und SED-Kritikers Robert Havemann mit dem Dänischen Fernsehen

Früher hat die Partei in der Sowjetunion, auch bei uns natürlich in der DDR, geglaubt, sie könne sich von einer inneren Warte aus in Fragen der Wissenschaft einmischen und hat Urteile gefällt über wissenschaftliche Theorien auf dem Gebiet der Chemie, der Physik, über die Relativitätstheorie, über die Resonanztheorie von Linus Pauling und andere, und geglaubt, man könnte vom Standpunkt des dialektischen Materialismus aus über die Richtigkeit, Wahrheit oder Unwahrheit dieser Theorien entscheiden. Gott sei Dank hat man eingesehen, daß man das nicht kann. Und sie hat für die Entwicklung in den sozialistischen Ländern eine große Bedeutung erlangt, diese Nichteinmischung in Fragen der Wissenschaft. Unglücklicherweise hat man es noch nicht eingesehen, daß man sich auch in Fragen der Kunst nicht einmischen darf...

Es gibt natürlich einige bedeutende Marxisten, auch in sozialistischen Ländem, die das vollständig durchschaut und begriffen haben. Ich denke nur an Georg Lucazs in Ungarn. Heute ist die ungarische Partei offensichtlich bereit, diese fundamentalen Einsichten, die im Einklang mit dem Marxismus sind und nicht etwa im Widerspruch zu ihm stehen, anzuerkennen oder zumindest zu respektieren. Man streitet natürlich nach wie vor über die Begriffe des sozialistischen Realismus und damit im Zusammenhang darüber, welche Aufgabe die Kunst im sozialistischen Staat, in der sozialistischen Gesellschaft hat, wie sie ihre Aufgabe, die die Kunst ja in irgendeiner Weise als soziale und gesellschaftliche Funktion innehat, im Guten, im Schlechten, wie sie sie bei uns verwirklichen soll, möglicherweise der Staat, die staatlichen Organe, die Partei, die Parteimenschen, Kommunisten darauf Einfluß üben werden.

Natürlich ist dies eine alte, primitive, vordergründige Vorstellung, der Künstler müsse einfach die Menschen auffordern, gute Sozialisten zu werden und erfüllt zu sein mit sozialistischem Bewußtsein, Begeisterung und Freude an der Arbeit.

Diese so einfache, ich möchte sagen mechanische Denkweise in der Sache der Kunst führt zu einer Verflachung, die zu einer plakativen, oberflächlichen Kunst, die gerade dadurch eben die Wirkung auf die Massen verliert und die Attraktion anderer Werke... auch aus dem spätkapitalistischen Leben, ungeheuer vergrößert. Die gegenwärtige Kunstpolitik ist im Grunde darauf gerichtet, aus dem Marxismus eine Ideologie zu machen, und zwar in dem Sinne, daß diese Ideologie über die Wirklichkeit täuscht und ein falsches Bewußtsein über die wahren Erscheinungen und Zusammenhänge erzeugt. Das liegt aber auch eben daran, daß die Wirklichkeit, die gesellschaftlichen Verhältnisse, noch einer solchen Täuschung bedürftig sind, um Bestand zu haben. Die Gesellschaft muß umgewälzt werden, und der Sozialismus ist die Phase der Umwälzung, ist nicht eine neue Formation, ist der Obergang zu einer neuen Formation, und in dieser Periode der Formation, entstehen dann diese neuen Stufen wie die sozialistische Demokratie in der Tschechoslowakei, die hoffentlich die ganze Weltbewegung des Kommunismus erfassen wird, die darauf hinausläuft, die gesellschaftlichen hinausläuft, offen zu machen, offen darzulegen, jedermann begreifbar und durchsichtig zu machen. Aber dadurch nun den Künstler in die Lage zu versetzen, nicht wahr, auch frei zu schaffen und ein Bild zur Gesellschaft zu entwerfen, das nicht mehr die Aufgabe hat, zu täuschen oder etwas Schönes vorzugaukeln und über die Mängel und Schwächen hinwegzublicken.