ARD: Sendungen aus den letzten Januartagen

Erinnerungen an Qualtingers Kinn, wammig und stopplig, an Äderchen und rötliche Lider, die von Sensibilitäten zeugten von apoplektischem Gestus, an eine Redeweise, von der ich mir vorstellen könnte, daß Grillparzers alter mit Fixlmüllner sich ihrer bediente, wenn er mit einem Vorgesetzten parlierte: „In Deutschland“, sagte Qualtinger, um den Unterschied zwischen teutonischem Frontalangriff und austriazensischem Flankenmanöver zu verdeutlichen, „in Deutschland steigt ein prima Mann auf die Bühne und erklärt, daß der Bundeskanzler ein Arschloch sei. In Österreich dagegen betritt ein Arschloch die Bühne und sagt: ‚Der Bundeskanzler ist prima.‘“

Erinnerungen an eine Geste des Schauspielers Karl Lange in einem Fernsehfilm von Terence Rettigan, dem Zwillingsstück „An Einzeltischen“: Eine Tür öffnet sich, ein Unerwarteter tritt ein, die Kamera zeigt in Großaufnahme Karl Langes Gesicht... Kopf zum Dessertteller geneigt, Mund gespitzt, Kirschkern gespuckt, mitten in der Bewegung innegehalten, Aug’ kämpft mit Mund, Überraschungsreaktion ficht mit Schluck Spuck-Impuls, zwischen Lippe und Teller, nicht mehr hängend, noch nicht fallend, schwebt ein rötlicher Kern: Diesen Mann, sagen Auge und Mund, hätte ich beim besten Willen nicht hier im Speisezimmer vermutet.

Erinnerungen an das leerleere Gesicht eines Blaukristalls in einer Potsdamer Rohrschlosserei, gefilmt von einem englischen Team. Von Klassenbrüdern sprach der Mann und vom heldenhaften Kampf unserer vietnamesischen Freunde – im Tonfall eines Funktionärs, der seinen Rosenkranz betet. (Da war die dreiundachtzigjährige Witwe Mehlhase, gleichfalls aus der Bezirkshauptstadt Potsdam stammend, schon aus anderem Holz: „Mein Mann ging zweimal in die Kirche. Er tat es gern, denn er war kaisertreu.“)

Erinnerungen an Spielmeister Kulenkampffs Miene – im Augenblick, da er einem Kandidaten das Anästhesie mit dem Hinweis nahezubringen versuchte, es käme aus dem – Lateinischen.

Erinnerungen an den Augenaufschlag des Kommentators Theo Sommer, während er den Satz formulierte, daß Kai-Uwe von Hassel am ehesten unter allen CDU-Bewerbern einen Gerstenmaier-Nachfolger abgeben könnte, da er weder exzentrisch (wie Jaeger) noch vorlaut (wie Rasner) noch braun sei. Da war kein Zwinkern in diesem brillengeschützten Augenaufschlag, kein Brechtsches Geblinzel, kein Erinnern an Sonntagsreden in Hugenbergs Geist, stolz weht die Flagge Schwarz-Weiß-Rot, kein Hinweis auf Zeiten, da Herr von Hassel die Bundeswehr kurzerhand mit der eigenen Person identifizierte, da spielte um den Mund kein ironisches Lächeln, geben wir diesem Bundestag den Präsidenten, den er verdient, da meinte es Sommer ganz, wie er’s sagte, da sprach er sich aus: Kein Falsch war in ihm dem Hasselschen Anwalt.

Erinnerungen einer Woche am Bildschirm

Momos