Von Heinz Steinberg

Um die achtzehnte Jahrhundertwende war Johann Adam Bergk (1769–1834) gewiß der fruchtbarste aller Publizisten deutscher Zunge: Neben Übersetzungen hat er rund 120 Bücher geschrieben, 17 Zeitschriften und Sammelwerke herausgegeben, dabei aber noch Gelegenheit genommen, zu anderen Periodika beizutragen. Obwohl der in der Themenwahl ungemein vielseitige und politisch mutig engagierte Mann durchaus Anerkennung fand – mehrere seiner Bücher erlebten zahlreiche Neuauflagen, eines (allerdings in mehr als freier Bearbeitung) gar noch 1922 und 1928 –, ist sein Name heute allenfalls Buchhändlern bekannt als der des Verfassers einer Anweisung, wie man durch den Buchhandel zu Ansehen und Vermögen kommen kann.

Dieser Titel bezeichnet den Grundzug seiner Schriftstellerei: Selber von unbeugsamer Rationalität, wollte er seinen Lesern den Weg zu intellektueller wie moralischer Autonomie und zu entsprechendem Erfolge weisen. Als unentbehrliches Orientierungsmedium galten ihm dabei die Bücher, so daß für einen photomechanischen Nachdruck wohl die zweckmäßigste Wahl getroffen wurde mit Johann Adam Bergk: „Die Kunst, Bücher zu lesen“, nebst Bemerkungen über Schriften und Schriftsteller, Jena 1799, unveränderter Nachdruck; Verlag Dokumentation, München-Pullach; 416 S., 95,– DM.

Dennoch könnte uns das Buch nur als Kuriosum dienen, dessen bibliophilem Reiz freilich handfester Inhalt die Waage hält, gäbe es nichteinen besonderen Grund, der es aufgeschlossenen Lesern zweihundert Jahre nach des Autors Geburt zur kleinen Kostbarkeit macht: Die idealistische Position hat den Verfasser nicht gehindert, nüchtern den instrumentalen Charakter jeder Lektüre hervorzuheben. Bergk schwärmt also nicht vom Lesen, erkennt vielmehr dessen Nachteile in der Gefahr ersatzbefriedigenden Phantasierens und bezeichnet es demgegenüber ausdrücklich als Mittel zum Zwecke selbständigen Handelns, weshalb er denn auch zeitgenössische Sachliteratur gebührend berücksichtigt.

Um dieses Zieles willen empfiehlt er Exzerpte des Gelesenen und Gespräche darüber, zumal „jeder auch noch so gleichgültige Gegenstand durch das Verhältnis, worein man ihn setzt, Interesse gewinnen könne, betont die Relativität der Geltung des Erkannten und bekämpft jede Zensur, die den Niveauverlust politischer Journale bewirke. Er bezieht das Buch mithin stets auf den Leser und dessen Stellung in der Gesellschaft.

Dies aber ist hierzulande keineswegs selbstverständlich. Epigonaler Idealismus und realitätsflüchtige Romantik haben das Buch vielmehr zum Adorationsobjekt erhoben und damit der Wirkung. beraubt. So mag es sich erklären, daß Bergk in Vergessenheit gedrängt ist. Amerika (Bergk erwähnt dessen „großen und edlen“ Franklin) hatte es besser: Dort blieb die schlichte Aufklärungstradition der Praxisnähe ungebrochen, und wegweisende Literatur vom Kursbuch bis zum Eheberater konnte wesentlich breiter und früher als in Deutschland entstehen und in allen Schichten wirken.

Daß der in der Bundesrepublik vom Verlag Dokumentation vertriebene Nachdruck des sächsischen Autors aus dem Zentral-Antiquariat der DDR stammt, entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie. Verfasser des Nachwortes, das über biographische und bibliographische Zusammenhänge gediegen informiert, ist Horst Kunze, der Direktor der Ostberliner Staatsbibliothek.