Auch die Kunstgeschichte hat ihren ewigen Vorrat ewig zitierbarer Dokumente, und wenn man sich der Nachwelt gegenüber so scheinbar zuvorkommend verhält wie der Erzähler von der Geschichte der Erfindung der Frottage, dann wird, man schon zu Lebzeiten als Eckermann seiner selbst geschätzt: "An einem regnerischen Abend", so wissen wir’s von Max Ernst, "befand ich mich in einem Gasthof an der Küste, als mich eine Besessenheit packte, die mich erregt auf die von tausend Kratzern vertieften Furchen der Fußbodendielen starren ließ. Ich beschloß, dem Symbolismus dieser Besessenheit nachzugehen, und um meine meditativen und halluzinatorischen Möglichkeiten zu unterstützen, machte ich von den Brettern eine Reihe Zeichnungen, indem ich willkürlich einige Blätter Papier auf sie legte, über die ich dann mit schwarzem Bleistift zu reiben begann. Als ich aufmerksam auf die so erhaltenen Zeichnungen blickte, die dunklen Stellen und andere von zartem lichtem Halbdunkel’, überraschte mich die plötzliche Intensivierung meiner visionären Fähigkeiten und die halluzinatorische Folge der gegensätzlichen Bilder ..." Ein Zitat, dem man kaum widerstehen kann. Werner Spies, der soeben in der Reihe "Kunst heute" (Verlag Gerd Hat je, Stuttgart; 52 S., 16,– DM) einen Band "Max Ernst – Frottagen" herausgegeben hat, kann es. Denn er kann nachweisen, daß diese schöne Geschichte von einer Erfindung (ihrerseits eine Mustervorführung der Durchreibe-Technik) für das Werk Max Ernsts mehr und anderes bedeutet als den Gewinn einer neuen Technik. Die Frottage, für die es bei Ernst schon runde 15 Jahre vor jenem 10. August 1925 Belege gibt, war für ihn, wie Spies sagt, eine Möglichkeit, "durch die Hintertür wieder zum Bild zu gelangen", zu einer neuen Variante jenes guten alten Bildes mit seinen greifbaren Inhalten, das für Ernst und seine Zeitgenossen aufgehört hatte, tragfähig und verbindlich zu sein. Die Welt bot sich ihm dar als ein Warenlager von Einzelteilen, ein Kaufhaus-Katalog visualisierte das Angebot, aus den Katalogseiten schnitt Max Ernst Jungfrauen, Fledermäuse, Zimmerpalmen, Korsetts und Meereswogen aus und arrangierte sie zu neuen Bildern, 3 collagierte die realistischen Details zu surrealistischen Szenen. Und eben diese beiden antithetischen Wirklichkeitsebenen holte er auch durch die Frottage in ein und dasselbe Blatt hinein (in der Grattage wendet er später das gleiche Prinzip auch in der Ölmalerei an); nur daß in der Frottage durch die Ambivalenz des Bildgegenstands selber (der einerseits reales Objekt, andererseits ästhetische Struktur ist) der Imaginationskraft des Künstlers und auch des Betrachters ein größerer Spielraum gelassen wird. In seinem Vorwort zu Max Ernsts "Semaine de Bonté" erwähnt André Breton dessen Fähigkeit, "die unzähligen Illusionen des wahren Wiedererkennens" herauszufordern. Die Frottage ist eines seiner Mittel dazu, und ihre Entdeckung schon einen Eckermann wert. Und einen Spies dazu.

Petra Kipphoff