Von Heinrich Böll

In dem Augenblick, da das Vernünftige ausgesprochen oder hingeschrieben wird, wird es immer als utopisch verlacht, bestenfalls als poetisch oder prophetisch abseits gestellt. Was die deutsche Regierung im Jahre 1969 nun so krampfhaft sucht, das sogenannte Gespräch mit Moskau, wurde von vernünftigen deutschen Publizisten schon vor 1950 vorgeschlagen, und als das erste "Gespräch mit Moskau" dann stattfand, brachte es nicht viel mehr ein als ein deutsches Botschaftsgetto in Moskau und ein sowjetisches Botschaftsgetto in Rolandswerth, und schon 1957 war es wieder diffamierend, von den Bürgern der Sowjetunion auch nur als "Menschen" zu sprechen. Jene klägliche Denunziationsschrift des kläglich gescheiterten Komitees "Rettet die Freiheit" ist allzu rasch vergessen worden, vergessen, weil der miese Trubel scheiterte, und doch waren Politiker, die heute noch Töne angeben, seine Initiatoren.

Vor zwei Jahren noch riskierte einer seinen guten Ruf, wenn er für die Beendigung des Krieges in Vietnam plädierte; heute sitzen die Vertreter des Vietcong gleichberechtigt an einem runden Tisch. Möglicherweise wird eines Tages ein Augenzeuge ausrechnen, wie viele Tote, Verwundete, Obdachlose und Entehrte die Frage nach der Form des Tisches gekostet hat. Was sie den Künsten vorwerfen – Formalismus –, üben die kommunistischen Politiker bis zum Übermaß, und doch stünde es eher einer Großmacht wie den USA an, Friedensverhandlungen notfalls auf einem Küchenstuhl an der Ecke eines Küchentisches zu führen. Die Kleinen, ob sie siegreich oder unterlegen sind, haben ein Recht auf Formen, sie können sich auch eine scheinbare Demütigung nicht leisten.

Das bundesdeutsche Gespräch mit Moskau wird immer und immer wieder scheitern an der formellen Anerkennung der DDR, und wenn sie eines Tages fällig wird, wird sie tatsächlich nur noch eine Formfrage sein. Und bis zur Erledigung dieser Formfrage wird die Bundesrepublik auch nicht andeutungsweise das in Moskau haben, was man eine "gute Presse" nennt. Auch in den Beschimpfungen und Verdächtigungen steckt eine gute Menge Formalismus, fast schon Manierismus. Es sind nie die Vernünftigen, die auf Wunder hoffen; offenbar warten die Politiker auf solche, offenbar warten sie auch darauf, daß die Geschichte sich auf den Kopf stelle und verlogene Kriege zu gewonnenen werden lasse. Dieses Wunder wird nicht geschehen, und selbst das Wirtschaftswunder (das keins ist) wird die Geschichte nicht auf den Kopf stellen.

Aus Vernunft und als Sozialist, ausgestattet mit den Kenntnissen und Erkenntnissen der Naturwissenschaften und der Technologie, gibt der sowjetische Professor A. D. Sacharow einen prophetischen Ausblick auf die Zukunft der Menschheit, die ihm düster erscheint, wenn nicht... Dieser "Wenn nicht" gibt es zahlreiche in Sacharows Manifest, ich kann sie nicht alle aufzählen. Manche Probleme werden nur an-, einige ausgesprochen: Probleme der Geohygiene, der Rüstung, der mehrfachen Menschheitsvernichtungskapazität der bereits vorhandenen Atomwaffen. Er nennt den Rassismus, den Nationalismus, den Faschismus, eingehend kritisiert er nur da, wo jeder kritisieren sollte: am Leib des Staates, in dem er lebt, und da ich hier als Deutscher schreibe und Sacharow auch die "deutsche Frage" für ein ungelöstes und unheilvolles Problem hält, habe ich mit der deutschen Frage angefangen.

"Gebildet" hat sich Sacharows Manifest aus dem Milieu der wissenschaftlichen und technologischen Intelligenz, wo über Grundsätze und konkrete Fragen der Außen- und Innenpolitik und über die Zukunft der Menschheit große Besorgnis herrscht. Aus Sacharows Formulierungen spricht eine uneingeschränkte Ehrfurcht vor der Erde und ihren Bewohnern, den Menschen, eine Frömmigkeit, die man "christlich" nennen könnte, hätten die christlichen Parteien dieses Adjektiv nicht bis zur totalen Schändlichkeit verunstaltet. Und mögen die Parade-Christen nun ihr schlaues Spiel treiben und was "christlich" am Sozialismus Sacharowscher Prägung sein mag, als "verfremdetes Christentum" bezeichnen. Ich benenne diese ehrfürchtige Frömmigkeit nach dem Geist, aus dem sie kommt: sozialistisch. Ja, verfremdet haben sich die Christen: die Arbeiter, die Wissenschaften, die Künste sind ihnen endgültig davongelaufen. Mit List und Tücke erhalten sie in den Staaten, wo sie den Ton angeben, ihre absurd lächerliche Stände-Ideologie aufrecht, entfremden krampfhaft – und bisher mit Erfolg – diejenigen, die nach Sacharow zueinander gehören: Arbeiter, wissenschaftliche Intelligenz und Künste.

Während Sacharow, der ganz und gar aus dem "materialistischen Milieu" kommt, vor jeder Kombination der kybernetischen Technik (Computer) mit der Massenpsychologie warnt, jener tödlichen Maschine, die bei uns unter den schlichten Namen "Werbung" oder "Verbrauchertest" arbeitet und die genau auszurechnen weiß, was "ankommt" – während der "Materialist" Sacharow warnt, wird das Wort "Ankommen" auch in kirchlichen Kreisen (leider auch in Kreisen kirchlichen Widerstands) immer geläufiger. Nimmt man die Christen beim Wort, die ihren "Advent", die Ankunft, zum Ankommenwollen um jeden Preis geschändet haben, so offenbart ihre Sprache ihren Totalausverkauf. Die Ankunft, das Ankommen, vor dem Sacharow warnt, ist die An- und Niederkunft von thermonuklearen Waffen und Trägerraketen, deren Herstellung laut Sacharow bald nicht kostspieliger sein wird, als die Herstellung von Militärflugzeugen im Zweiten Weltkrieg war.