Antwort auf einen Angriff in der letzten ZEIT

Von Wilfried Minks und Burkhard Mauer

Man kann Theater nur danach beurteilen, ob es theatergemäß und theaterwirksam ist, nicht danach, ob es nahrhaft ist

Man hat eine Weile versucht, auf und mit dem Theater Politik zu machen. Inzwischen haben auch die, die vor einem halben Jahr noch begeisterte Anhänger dieser Idee waren, eingesehen, daß es so nicht geht. Wir meinen damit nicht, daß das Theater sich kein politisches Thema stellen darf, sondern daß man, um politische Wirkungen zu erreichen, die Mittel des Theaters kennen muß, sie beherrschen und einsetzen kann. Aus einer falschen sentimentalen Haltung gegenüber theatralischen Mitteln wurden politische Wirkungen nicht erreicht. Folgerichtig haben ernsthafte Politologen nicht mitgemacht, sondern politisierende Dilettanten machten dilettantisches Theater. Man kann aber mit dilettantischen Mitteln nichts ausrichten gegen Strukturen, die industriell perfekten Funktionsmechanismen weitgehend angenähert sind. Jetzt schlägt Bazon Brock noch einmal vor, es zu versuchen: Theater mit Historikern, Soziologen und Theaterwissenschaftlern zu einem Ort für Rekonstruktionen zu machen. Theater als angewandte Archäologie,–so ähnlich hat man um die Jahrhundertwende • Architektur gemacht.

Es ist nicht einzusehen, warum man das Theater zur Demonstration historischer Rekonstruktionen benutzen soll, da es dafür geeignetere Medien als Theater gibt. Das Theater kann neue Erkenntnisse der Wissenschaftler nicht gut vermitteln, sondern sie für seine eigenen Ziele wirkungsvoll benutzen. Herzog Georg der Zweite von Meiningen hatte das bereits erkannt, als er sich die Mitarbeit von Historikern für sein Theater sicherte (Meininger Theater: 1874 bis 1890). Bazon Brock noch nicht, wird auch nicht, da er lieber schwärmt als denkt und Schwärmen Denken nennt. Es ist erstaunlich, daß Bazon Brock auf Intellektuelle Wirkung hat.

Gesellschaftliche Wichtigkeit ergibt sich nicht aus historischer Bestimmtheit

Ein Beispiel: Julius Cäsar von Shakespeare. Ein Historiker kann uns ziemlich viel über die Zeit Julius Cäsars sagen, aber für das Stück nützt uns das nichts, denn das Stück hat wenig mit dem alten Rom zu tun. Bazon Brock wird jetzt flink vorschlagen, die englische Geschichte der Shakespeare-Zeit zu rekonstruieren, ein Verhaltensmuster dieser Zeit zu zeigen, wobei man im Extremfall so weit gehen kann, Cäsar in Shakespearemaske auftreten zu lassen. Auch so kommt man nicht weiter, denn Shakespeare hat kein autobiographisches oder Zeitstück geschrieben. Theaterwissenschaftler könnten noch rekonstruieren, wie zur Shakespeare-Zeit Römer dargestellt wurden; ihr Ergebnis ist das interessanteste: es gibt nämlich den ersten Hinweis darauf, daß diese Darstellung phantastisch war, daß das Stück eine phantastische Geschichte ist, für welche die Historie einiges Material geliefert hat, das Shakespeare aber neu angeordnet hat, nach seiner Phantasie und seinen Absichten. Beides kann ein Historiker oder Soziologe nicht rekonstruieren. Es läßt sich nur aus dem Text rekonstruieren. Soweit man’s kann.