Bonn

Bonn, die Bundeshaupt- und Beethovenstadt, kann neben einem Beethoven-Gymnasium, einer Beethoven-Halle, einem Beethoven-Haus und einer Beethoven-Drogerie neuerdings auch einen Beethoven-Nachfahren aufweisen. Sein Name: Peter Köwerich. Die Beethoven-Kenner erinnern sich: die Mutter des in Bonn geborenen Komponisten war eine geborene Keverich aus Ehrenbreitstein. Peter Köwerich, ein Weinbauer, der seit 88 Jahren ungeachtet möglicher verwandtschaftlicher Beziehungen zu dem „großen Sohn“ Bonns in dem Moseldörfchen Köwerich lebt, soll im nächsten Jahr – wenn es nach der „Bonner Rundschau“ ginge – „die große Sensation“ beim Beethovenfest werden.

Einige Forscher waren dem Winzer schon seit langem auf der Spur. So der Trierer Oberstudiendirektor Alois Backes, der herausfand, daß der Großvater von Beethovens Mutter, Johann Heinrich Keverich, Oberhofkoch des Kurfürsten, aus Köwerich stammte. Der Ort schrieb sich damals noch Keverich. Peter Köwerich nun soll über seinen Urgroßvater mit dem Bruder von Beethovens Mutter verwandt sein. Dem Leiter des Bonner Stadtarchivs, Dr. Dietrich Höroldt, der ebenfalls in Sachen Beethoven-Nachfahr ermittelt, das genealogische Ergebnis aber erst kundzutun gedenkt, wenn alle Zweifel ausgeräumt sind, kam nun die „Bonner Rundschau“ zuvor. Sie präsentierte Herrn Köwerich aus Köwerich als „einzigen in Deutschland noch lebenden Verwandten des großen Meisters“.

So verästelt der Stammbaum auch sein mag, dem zufolge Ludwig van Beethoven und Peter Köwerich verwandtschaftlich zusammenhängen, so untrüglich schienen der „Rundschau“, die das „Geheimnis“ der „städtischen Amtsstuben“ lüftete, die Indizien, die sie bei dem Winzer selbst fand: in der guten Stube eine Büste und ein Bild Beethovens.

Wen mag es verwundern, daß der „freiwillige Kämpfer des 239. Reserveregiments mit den feinen Zügen im Gesicht und den ebenso feingliedrigen Fingern“ mehr ist als ein Köwericher Weinbauer? „Ich bin stolz und glücklich, ein Verwandter Beethovens zu sein“, sagt er, dem die Namensgleichheit mit der Mutter Beethovens bislang nur den Text für den Trinkspruch auf der Etikette seines Weines lieferte: „Als Beethoven die Neunte schafft, da gab ihm Feuer, Labung, Kraft, ein Moselwein absonderlich – von Köwerich aus Köwerich. ‚Wie kommt Ihr zu dem Wein?‘ gefragt, der Meister tief versonnen sagt: ‚Den Wein des Namens liebe ich, meine Mutter hieß Maria Magdalena Köwerich.‘“

Zweifel an den verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen Musiker und Winzer und folglich an dem tiefen Sinn jenes Trinkspruches äußert allerdings Professor Schmidt-Görg, emeritierter Ordinarius für Musikwissenschaft an der Universität Bonn. „Werden nicht handfeste, durch bislang unbekannte Urkunden und Dokumente gestützte Beweise vorgelegt“, so gibt er zu bedenken, „so sollte man dem braven Moselaner ersparen, mit seinen 90 Jahren als Ehrengast nach Bonn geholt und den Besuchern aus dem In- und Ausland vorgestellt zu werden.“

Ob Peter Köwerich sich zum Beethovenfest einen Anzug schneidern läßt, darüber muß erst ein notariell beglaubigter Nachweis einer unmittelbaren Generationenfolge entscheiden. Ihn hoffen die genealogischen Verfechter der „Köwerich-Theorie“ bis zu diesem Zeitpunkt erbracht zu haben. Marion Schreiber