Wir gehörten gemeinsam zu einer Gruppe von sechs Deutschen, die einige Jahre nach Kriegsende zusammen mit sechs Franzosen des öffentlichen Lebens dazu ausersehen waren, Verständnis für die gegenseitigen Interessen zu wecken, Ärgernisse aus dem Weg zu räumen, kurz, die beginnende Annäherung der beiden Länder zu fördern.

An einem grauen, naßkalten Morgen saßen wir zum erstenmal im Centre d’Etudes de Politique Étrangère in Paris, einem hübschen ehemaligen Palais der Rue de Varenne beisammen. Wir saßen in der Bibliothek um einen Konferenztisch mit der obligaten grünen Filzdecke – vor dem Fenster ein paar alte Bäume, jenseits des Parkes die sowjetische Botschaft.

Der französische Gastgeber hatte ein paar Worte der Begrüßung gesagt – sehr höflich, sehr liebenswürdig –, aber noch war alles neutral, ohne Nähe, ohne Gestalt, ungeformt. Würde es den Deutschen gelingen, den rechten Ton zu finden? Mit bangem Herzen beobachtete ich, wie Henle sich ganz langsam erhob und dann mit großer Gelassenheit zu reden begann. Er sprach mit leiser Stimme, um Verständnis werbend, aber ohne Unterwürfigkeit, Gemeinsamkeit fordernd, aber mit der Bereitschaft, sich zu fügen. Er beklagte das Gewesene und beschwor das Kommende. Als er geendet hatte und sich wieder setzte, da wußte man: Der Bann ist gebrochen.

Oft noch habe ich diese Mischung von Diplomatie, Tatkraft und musischem Sinn, die Günter Henle auszeichnet, bewundern können. Aber sie nie wieder mit solcher Dankbarkeit und Erleichterung registriert wie damals, als man nicht wußte, ob es noch einmal einen neuen Anfang geben würde. Dff.