Westberlin ist keine Krise wert, den Amerikanern nicht und am allerwenigsten den Sowjets – jedenfalls zur Zeit. Und zwänge der näherrückende Termin der Präsidentenwahl die Beteiligten nicht in die Imponierpose, sie würden Stillhalten und Schweigen vorziehen.

Moskau aber muß, will es nicht Prestige und oft beschworene Positionen verlieren, alles tun, eine Bundesversammlung in Berlin zu verhindern. Im Rahmen einer diplomatischen Offensive wurde Botschafter Abrassimow zum Regierenden Bürgermeister geschickt, um den sowjetischen Standpunkt zu wiederholen. Er tat es hart und vage. Weder mochte er in den verbalen Drohungen konkret werden, noch mögliche Kompensationsgeschäfte erläutern, die einen Verzicht auf den Wahlort Berlin erleichtern würden.

Doch auch die eher drohende als freundliche Geste des Besuchs im Senatsgästehaus bestätigte nur, daß die Kremlherren den offenen Konflikt gern vermeiden möchten. Sie wollen es sich nicht leisten, von Ostberlin und Bonn in ein neues Abenteuer getrieben zu werden, während der Marsch auf Prag noch nicht bewältigt ist.

Im Rathaus Schöneberg zieht man daraus die Konsequenz: Mit dem Gewohnheitsrecht der Präsidentenwahl in Westberlin sollte nicht gebrochen werden. Gleichzeitig aber ließ man durchsickern, Abrassimow habe möglicherweise Vorschläge für ein Arrangement auf Zeit andeuten wollen.

Diese Möglichkeit wäre allerdings eine zweite Überlegung wert: Die Möglichkeit, daß Moskau Westberliner Realitäten akzeptiert – etwa die wirtschaftliche Integration der Teilstadt in die Bundesrepublik. Warum sollte Bonn dann nicht auch die Wirklichkeit anerkennen, daß eine Bundesversammlung rechtlich und politisch aus Westberlin kein Bundesland macht? K. H.