Berlin

Mäuse in der Bratröhre, Eiterbeulen im Fleisch, Schaben in allen Ecken – mit solchen Nachrichten über die Zustände in der Großküche des Berliner Zuchthauses Tegel schreckte am 19. November des vergangenen Jahres der Berliner „Extra-Dienst“ die Öffentlichkeit auf. Der gelernte Fleischer Lothar Weisemann, der 18 Monate als Häftling in der Zuchthausküche arbeitete, hatte sich nach seiner Entlassung dem APO-Organ als Informant angedient.

Nach anfänglichen Beschwichtigungsversuche! reagierte man im Rathaus Schöneberg schnell auf die Vorwürfe. In der vergangenen Woche kam es zum ersten öffentlichen Hearing vor dem Justizausschuß des Abgeordnetenhauses. Geladen waren unter anderem der ehemalige Häftling und der beamtete Küchenverwalter Adolf Steppich.

Dem Berliner „Telegraf“ vermittelte die Anhörung der beiden Zeugen den Eindruck, „daß sich hier ein Skandal zusammenbraut“. Bevor Herr Steppich vor dreizehn Jahren seinen Dienst im Zuchthaus Tegel antrat hatte er in großen Hotels gearbeitet. 1966 absolvierte er einen Kochlehrgang für Justizangestellte. Dort lernte er jedoch, wie er sagt, nur das Kochen von ausgefallenen Sachen: Schweinesteaks oder Poularden, nichts für die Gefangenenküche. Auf die Vorwürfe des „Extra-Dienst“ sagt Herr Steppich: „Alles Quatsch“. Er muß allerdings zugeben, daß zumindest einmal in zwei Tüten Kloßmehl auch Mäuselöcher und Mäusekot zum Vorschein kamen. Das Mehl aber sei in die Abfalltonne gewandert.

Wie es überhaupt in der Küche mit Mäusen und Schaben aussieht, wollen die Abgeordneten wissen. „Ich werde nie bestreiten, daß es in einer Küche oder bei uns im Lager keine Mäuse gibt, aber nicht in dem Zustand, wie es im ‚Extra-Dienst‘ stand.“ Bei Kartoffel- und Weißkohllieferungen würden Mäuse eben mit hineingeschleppt. Das sei eine ganz natürliche Sache, im Hilton sei es nicht anders. Fünf Mäuschen, sagt er, sind ihm mal aus dem Fischbrater gesprungen. Drei hat er fangen können. „Was soll man tun?“ fragt er und verweist auf seine Erfahrungen in einem großen Hotel: „Da gab’s auch ab und zu ein paar Mäuschen. Aber da kam niemand auf die Idee, zur Presse zu laufen. Der wäre sofort entlassen worden.“

Schon jetzt steht fest, daß der „Extra-Dienst“-Informant Weisemann nicht als einziger die Tegeler Küche moniert: Der zuständige Amtsarzt wollte die Küche schon einmal wegen ihres hygienischen Zustandes schließen.

Horst Rieck