DIE ZEIT

Volkes Stimme

Die Volksabstimmung, die General de Gaulle für das Frühjahr angekündigt hat, könnte den Wähler überfordern. So jedenfalls sieht es der zweite Mann im Staat, Senatspräsident Alain Poher.

Selbstmord des Föderalismus?

Der Föderalismus ist die heilige Kuh unseres Staatswesens: Sie ist ein unnützer Fresser, sie gibt kaum Milch, und sie hemmt den Fortschritt.

Nixons Nüchternheit

Richard Nixon, dessen Wahlkampf nicht durch hochfliegende Pläne und große Konzeptionen, sondern eher durch pragmatische, zuweilen fast bläßliche Nüchternheit geprägt war, hat der Welt auch in seinen ersten Amtswochen kein umfassendes politisches Programm präsentiert.

Hart, aber vage

Westberlin ist keine Krise wert, den Amerikanern nicht und am allerwenigsten den Sowjets – jedenfalls zur Zeit. Und zwänge der näherrückende Termin der Präsidentenwahl die Beteiligten nicht in die Imponierpose, sie würden Stillhalten und Schweigen vorziehen.

Loyal - wem?

Das Auswärtige Amt hat zwei seiner Botschafter in ungewöhnlich schroffer Weise gemaßregelt. Dem NATO-Botschafter Wilhelm Grewe und dem Abrüstungsbeauftragten, Botschafter Swidbert Schnippenkötter, wurden "bis auf weiteres" jede Äußerungen über den Atomsperrvertrag verboten.

Wird Autofahren gefährlicher?

Buße zahlt seit ein paar Wochen der Autofahrer, der vorher mit einer "gebührenpflichtigen Verwarnung" oder auch ganz ungeschoren davongekommen wäre – oder der vorher ein Gerichtsverfahren zu erwarten gehabt hätte, das nicht nur auf eine Geld-, das auch auf eine Freiheitsstrafe hätte hinauslaufen können.

Präsident aus dem Hintergrund

Die Christlichen Demokraten haben sich bei der Wahl ihres Kandidaten für das Amt des: Bundestagspräsidenten nicht für das Management und nicht für die Jugend, sondern für die Würde entschieden.

ZEITSPIEGEL

"Man muß den Studentenprotest, der auf Hochschulreform drängt, und nicht nur auf Hochschulreform, sondern in diesem Land tabuhaft geschützte Werte in Frage stellt, insgesamt in Schutz nehmen vor dem Verschleißprozeß.

Wider die absolute Wahrheit

Der erste Kultusminister, den ich leibhaftig kennenlernte, hatte sein Büro unmittelbar zwischen den Hörsälen der Studenten. Das war in einem halbzerbombten Backsteinbau, der von dieser Technischen Hochschule mehr schlecht als recht übriggeblieben war.

Toleranz ist unsere Stärke

Das Nichtaustragen der Konflikte setzt den Anfang vom Ende der Demokratie. So verstehe ich die Bundesrepublik als unsere letzte Chance, nach soviel gescheiterten Versuchen, endlich in Deutschland die parlamentarische Demokratie zu etablieren.

Hart und massiv

Wer Fortschritt statt Stillstand, Evolution statt Revolution will, muß auch ja sagen können, muß zu vertretbaren Kompromissen bereit und damit zu rechtzeitiger mehrheitlicher Konkretisierung seiner Vorstellungen in der Lage sein.

Reform aus eigener Kraft

Müssen denn überfällige gesellschaftspolitische Reformen hierzulande immer erst unter dem Druck radikaler Kräfte erzwungen werden? – Manchmal sieht es ganz so aus.

Es wird immer später

In dem Augenblick, da das Vernünftige ausgesprochen oder hingeschrieben wird, wird es immer als utopisch verlacht, bestenfalls als poetisch oder prophetisch abseits gestellt.

Warum läßt London Biafra allein?

Ende letzten Jahres hielt Anthony Wedgwood Benn, englischer Minister für Technologie, vor dem Übersee-Club in Hamburg einen Vortrag aus seinem Fachbereich.

England will Europa führen

Der britische Verteidigungsminister Denis Healey hat am letzten Wochenende in München eine große Anstrengung unternommen, um Englands zunehmende Orientierung auf Europa glaubhaft zu machen und dem europäischen Einigungsdenken einen kräftigen Stoß zu geben.

Rettungsaktion für den Frieden

Noch vor acht Tagen standen im Nahen Osten die Zeichen wieder auf Sturm. Diesmal waren es die Iraker gewesen, die die Krisenspirale in Bewegung gesetzt hatten.

Longos eigener Weg

In Bologna beginnt an diesem Wochenende der XII. Parteitag der Kommunistischen Partei Italiens, Er wird in der Geschichte der italienischen Kommunisten zu einem wichtigen Datum werden.

Kritik – lieber nicht

Eine Delegation der Nationalen Front der Tschechoslowakei hält sich in Moskau auf. Sie soll sich über die Arbeit der diversen gesellschaftlichen Organisationen ein Bild machen und Anregungen mit nach Prag nehmen.

Wolfgang Ebert:: Kandidaten-Auslese

Kürzlich wurde ich im Bonner Bundeshaus Ohrenzeuge eines Gesprächs zweier CDU-Abgeordneten, das mir wertvolle Aufschlüsse über die faszinierende Art gab, wie die CDU ihre Kandidaten für höchste Staatsämter auswählt.

Polens Paradoxe

Lieber Herr Ionesco, Sie halten sich für den König des absurden Theaters? Bei uns wären Sie nicht einmal Page, denn was Sie sich mit Mühe ausdenken, findet man bei uns auf der Straße!" So witzelte – unangefochten – von Mai bis Dezember 1968, in einer der kritischsten Perioden polnischer Nachkriegsgeschichte, das Studentische Satirische Theater in Warschau.

Abrassimow bei Schütz

Der sowjetische Botschafter in Ostberlin, Pjotr Abrassimow, ist am Wochenende überraschend mit dem Regierenden Bürgermeister von Westberlin, Klaus Schütz, im Gästehaus des Senats zusammengetroffen.

Reform durch Referendum

Die französischen Wähler werden noch in diesem Frühjahr in einem Referenz dum über eine Reform der Regionalverwaltung und über die Transformation des Senats, der zweiten Kammer des Parlaments, abstimmen.

Nixon kündigte Europa-Reise an

Präsident Nixon will Westeuropa schon in den nächsten Wochen besuchen, wie der Pressesprecher des Weißen Hauses, Ron Ziegler, am Montag mitteilte.

Paketlösung für Nahost?

Die Umrisse für eine konzertierte Initiative der Großen Vier zur Lösung des Nahost-Konflikts zeichnet sich ab: Nach einer Sitzung des Nationalen Sicherheitsrats ließ US-Präsident Nixon am Wochenanfang erklären, er stimme dem französischen Vorschlag für Gespräche der vier Großmächte "im Prinzip" zu.

Treffen an der Grenze

Überraschend sind am vorigen Wochenende die Staats- und Parteichefs von Jugoslawien und Rumänien, Tito und Ceausescu, in der rumänischen Grenzstadt Temesvar zusammengetroffen in einer "Atmosphäre der Freundschaft, der Herzlichkeit und des gegenseitigen Verstehens".

Dokumente der ZEIT

Früher hat die Partei in der Sowjetunion, auch bei uns natürlich in der DDR, geglaubt, sie könne sich von einer inneren Warte aus in Fragen der Wissenschaft einmischen und hat Urteile gefällt über wissenschaftliche Theorien auf dem Gebiet der Chemie, der Physik, über die Relativitätstheorie, über die Resonanztheorie von Linus Pauling und andere, und geglaubt, man könnte vom Standpunkt des dialektischen Materialismus aus über die Richtigkeit, Wahrheit oder Unwahrheit dieser Theorien entscheiden.

Mistgabeln gegen de Gaulle

Charles de Gaulle hat es erleben müssen, daß ihm auf einer Reise in die französische Provinz Unwille entgegenschlug – und das noch in der Bretagne, die seinem Herzen so nahe liegt.

Disziplin im Hörsaal

Das studentische Disziplinarrecht leidet an seiner Vergangenheit: der besondere akademische Ehrbegriff, der mit seiner Hilfe lange Zeit gepflegt wurde, existiert nicht mehr.

Reformfreudige Hochschullehrer antworten frustrierter Studenten: Nicht glauben, sondern denken

Ende Januar brachten die Wahlen zum Hamburger Studentenparlament einen Linksruck. Der neue AStA schrieb über eines seiner ersten Flugblätter: "Wir haben von den Herrschenden nichts mehr zu erwarten!" Geplante Vorbeugungshaft, Diskussion um Stipendienentzug, die juristischen Nachspiele zu den Osterunruhen 1968 und der einhellige Bonner Ruf nach mehr Härte gegen Ruhestörer sollen diese These beweisen.

Radikale Nachhut?

Heidelberg, Mitte Januar 1969. Im Hörsaal 1 des Heuscheuers verlangen nach einem Gastvortrag (im Rahmen einer Vorlesung des Sozialphilosophen Ernst Topitsch) einige Studenten, daß über die drohende Landesverweisung eines indischen Kommilitonen diskutiert und eine Protestresolution verfaßt werde.

Anfang von Ayubs Ende?

Nicht ganz zu Unrecht wird Feldmarschall Ayub Khan oft der "de Gaulle Asiens" genannt. Beide haben ihren Völkern seit 1958 ein Jahrzehnt der Ruhe und Ordnung beschert, und die Parallelität zwischen ihren Redimes läßt sich bis in diese Tage fortführen, seit anhaltende Unruhen in beiden Ländern das gewohnte Bild der Stabilität entstellt haben.

Der staunende Fremdling

Zurückhaltung ziert diesen Arbeitsbericht. Dabei ist die Reportage von Wolfgang Nette hervorhebenswert, denn immer weniger Menschen machen sich hierzulande Gedanken über die innere Entwicklung des anderen Deutschlands.

In Tegel tanzten die Mäuse in der Bratröhre

Mäuse in der Bratröhre, Eiterbeulen im Fleisch, Schaben in allen Ecken – mit solchen Nachrichten über die Zustände in der Großküche des Berliner Zuchthauses Tegel schreckte am 19.

Geborene Keverich

Bonn, die Bundeshaupt- und Beethovenstadt, kann neben einem Beethoven-Gymnasium, einer Beethoven-Halle, einem Beethoven-Haus und einer Beethoven-Drogerie neuerdings auch einen Beethoven-Nachfahren aufweisen.

Name ohne Glanz

Ein Name fiel einem nicht ein, als man im Sommer vergangenen Jahres nach dem Tode des hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer gefragt wurde, wer denn sein Nachfolger werden könnte, waren Jurist und Politiker ratlos.

Kühn: Wie steht’s mit der Staatsgesinnung?

H. Günter Wallraff, 26, wurde durch Fabrikreportagen bekannt. Von 1966 bis 1967 war er Redakteur bei "pardon" und erregte dort durch zwei Veröffentlichungen Aufsehen: Einmal durch die Schilderung seiner Erlebnisse als angeblicher Napalmlieferant, der sich telephonisch bei einer Reihe von Moraltheologen erkundigte, wie er sein Geschäft mit seinem christlichen Gewissen vereinbaren könne.

Münchner Fasching: bieder und fad

Fasching – ganz schön und gut, wenn’s nur die "Narrhalla" nicht gäbe. So wird in Redaktionskonferenzen gestöhnt, die Redakteure legen die Stirn in Falten und tun so, als überlegten sie ernsthaft, wie diese unmünchnerische Karnevalinstitution, die mit Prinzeneinzug, einfältigen Hofmarschallwitzen, Ordensverleihung und Gardeparade garantiert jede Narrenfeststimmung zum Erliegen bringt, endlich aus der Welt zu schaffen sei.

I like McGill

McGill ist ein Junge von nebenan, der sich einmal von unten nach oben boxte, in eine Stellung beim amerikanischen Geheimdienst, dann von oben nach unten geboxt wurde, aus seiner Stellung beim amerikanischen Geheimdienst; seither läßt McGill keine Gelegenheit aus, von unten nach oben zu boxen.

Fernsehen: Doppelbödige Erinnerungen

Erinnerungen an Qualtingers Kinn, wammig und stopplig, an Äderchen und rötliche Lider, die von Sensibilitäten zeugten von apoplektischem Gestus, an eine Redeweise, von der ich mir vorstellen könnte, daß Grillparzers alter mit Fixlmüllner sich ihrer bediente, wenn er mit einem Vorgesetzten parlierte: "In Deutschland", sagte Qualtinger, um den Unterschied zwischen teutonischem Frontalangriff und austriazensischem Flankenmanöver zu verdeutlichen, "in Deutschland steigt ein prima Mann auf die Bühne und erklärt, daß der Bundeskanzler ein Arschloch sei.

Architektur: Für Venedig

Der amerikanische Architekt Louis Kahn soll in Venedig eine Kongreßhalle für 2500 Personen und einen neuen italienischen Biennale-Pavillon bauen.

Schriftsteller - zum Kampf vereint?

Kürzlich schleuderte der Vorsitzende des Norddeutschen Schriftstellerverbandes, Trinkler, der Bundesrepublik eine Kampfansage entgegen, indem er meinte, gegen die "Ausbeutung des Schriftstellers in der neokapitalistischen Gesellschaft" helfe nur eine Radikalisierung und Solidarisierung der Schreibenden.

Die letzten Jahre der Else Lasker-Schüler

Ich besitze noch die von ihr selbst getippte Einladung, in der es fast streng hieß: "Adon, Gewereth, am 20. Juli Sonntag abends 8 Uhr liest Else Lasker-Schüler ihr neuestes Schauspiel aus dem Manuscript ihres zweiten Palästinabuchs vor geladenen Gästen.

15 Thesen zur Forschung

Hier soll kein Programm gegen Gerhard Stoltenberg, den gegenwärtigen Wissenschaftsminister, entwickelt werden, sondern ein Konzept, das über die bisher erkennbar gewordene deutsche Forschungspolitik hinausführt.

Aus den Hauptstädten der Welt:: Moskau – Tauwetter im Theater

Wenn die tollkühnen Jungs auf ihren Motorrädern mit Spikes um die Eisarena jagen, mit Hilfe ihres selbstgebastelten Knieschutzes in der Kurve fast waagerecht liegend, da jauchzt in Moskau auch bei 20 Grad Kälte ein noch immer halb besetztes Stadion.

Ludwig Marcuse:: Rückkehr ins Land meiner Geburt

Es ist viel Wesens davon gemacht worden, daß einer aus der Emigration zurückkam und außerdem noch als Jude. Deutsche Emigranten gingen "zurück" nach Schweden und England und in die Schweiz und nach Holland.

Ophelia als Clown

Im Vorraum schon wurden die Gäste mit Musik empfangen, Jazz aus Nürnberg, Komponist: Werner Heider. Auf dem Korridor zum Kleinen Sendesaal dann Elektronisches.

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