Moskau, im Februar

Eine Delegation der Nationalen Front der Tschechoslowakei hält sich in Moskau auf. Sie soll sich über die Arbeit der diversen gesellschaftlichen Organisationen ein Bild machen und Anregungen mit nach Prag nehmen. Im Fernsehen sieht man viele händeschüttelnde Funktionäre, aber für das Verhältnis Moskau-Prag bedeuten, diese Begegnungen wenig. Der Tod Jan Palachs ist nicht vergessen.

Das Ziel der sowjetischen Politik ist unverändert. Es ist die „Normalisierung“ in der Tschechoslowakei. Denn noch einmal Panzer an die Moldau zu schicken, davor hat man im Kreml Angst. Aber schließlich hat die Selbstopferung Jan Palachs auch gezeigt, daß Moskau grundsätzlich nicht nachgeben will. Jan Palach: kein Selbstmord aus Protest, sondern Opfer einer gesteuerten Hysterie antisozialistischer und antisowjetischer Elemente – so die offizielle Lesart. Für Moskau bleibt guter Rat teuer, denn noch ist in der Sowjetunion die ČSSR als „Fall“ nicht überwunden, wie man an den Anstrengungen ablesen kann, die der harte Flügel im Politbüro macht. Das Sprachrohr der Eiferer ist die „Sovjetskaja Rossija“, das Organ des Zentralkomitees. Ihre ideologischen Kampfaufrufe haben etwas Hektisches; würde ihnen gefolgt, dann ist eine Hexenjagd nicht weit.

Opfer dieses verschärften ideologischen Kampfes ist kein Geringerer als Michail Scholochow geworden, Nobelpreisträger und polternder Held der Sowjetliteratur. Seit über 25 Jahren arbeitet er an dem Roman „Sie kämpften für die Heimat“. Bereits während des Krieges wurden die ersten Kapitel seines Romans veröffentlicht, und noch im Oktober letzten Jahres pries die Regierungszeitung „Iswestija“ seinen Roman als das Epos des Vaterländischen Krieges, als Beispiel des sozialistischen Realismus an. Scholochow gab einige Roman-Auszüge an die Zeitschrift „Don“. Seine Überraschung war groß: nach kurzer Zeit kam eine Absage. Empört wandte sich Scholochow an den Prawda-Verlag. Auch hier: Bedauern – nein. Scholochow, so erzählt man in Moskau, schrieb an Parteisekretär Breschnjew und bat um eine Audienz. Er, dem zu Zeiten Chruschtschows Partei- und Regierungskanzleien stets offenstanden, wurde abgewiesen. Mit anderen Worten: Sein Roman „Sie kämpften für die Heimat“, der Rückzug und die Niederlagen der Roten Armee in den Jahren 1941/42, seine kritische Beurteilung Stalins, die Schilderung der Straflager – das alles scheint heute nicht mehr mitteilenswert – nicht mehr opportun. Ulrich Schiller