H. Günter Wallraff, 26, wurde durch Fabrikreportagen bekannt. Von 1966 bis 1967 war er Redakteur bei "pardon" und erregte dort durch zwei Veröffentlichungen Aufsehen: Einmal durch die Schilderung seiner Erlebnisse als angeblicher Napalmlieferant, der sich telephonisch bei einer Reihe von Moraltheologen erkundigte, wie er sein Geschäft mit seinem christlichen Gewissen vereinbaren könne. Mit zwei Ausnahmen redeten ihm die Geistlichen seine Gewissensbisse aus.

Beim zweitenmal gab er sich als Beamter eines fiktiven Zivilschutzausschusses beim Bundesinnenministerium aus, der sich – wiederum telephonisch – in einer Anzahl von Großbetrieben über die Aufstellung von bewaffnetem Werkschutz erkundigte. Dadurch entdeckte er Pläne, die bereits bestanden, bis dahin jedoch geheim gewesen waren.

Wallraff gehört zur Dortmunder Gruppe 61, einer Arbeiter-Schriftsteller-Gruppe. Im Auftrag der Ruhrfestspiele schrieb er das Bühnenstück "Nachspiele", dessen Thema der Artikel 1 des Grundgesetzes ist: Menschenwürde.

Im letzten Jahr erhielt er den Fördererpreis des Landes Nordrhein-Westfalen für Literatur (6000 Mark). Der Düsseldorfer SPD-Regierungschef Kühn, der Wallraff als ein von der Jury gelegtes linkes Kuckucksei zu betrachten scheint, schlidderte durch seine Kommentare zu der Preisverleihung in eine Affäre, die ihn und seine Partei in Mißkredit bringt.

Für welche Leistung, Herr Wallraff, erhielten Sie den Preis?

Insbesondere für meine Reportagen aus deutschen Großbetrieben. Ich hatte zwei Jahre als Arbeiter und Hilfsarbeiter in fünf verschiedenen Industriebetrieben gearbeitet und anschließend über Arbeitsbedingungen und Formen der Ausbeutung berichtet.

Es ist inzwischen bekanntgeworden, daß Ministerpräsident Kühn von seiner Staatskanzlei vor ihnen gewarnt wurde. In einem vertraulichen Schreiben wird behauptet, gegen Sie seien noch Verfahren wegen Verteilung unzüchtiger Schriften, wegen Staatsgefährdung und Amtsanmaßung anhängig. Was stimmt von diesen Behauptungen?