Bologna, im Februar

In Bologna beginnt an diesem Wochenende der XII. Parteitag der Kommunistischen Partei Italiens, Er wird in der Geschichte der italienischen Kommunisten zu einem wichtigen Datum werden. Denn Parteisekretär Luigi Longo ist nach der Invasion der ČSSR zum Symbol des kommunistischen Widerstandes in der westlichen Welt gegen sowjetische Machtpolitik geworden. Und seine Genossen fragen sich, ob er seine kritische Position gegenüber dem Moskauer Führungsanspruch auf dem Parteitag wird behaupten können oder ob es zu einem offenen Eklat mit den Gästen aus dem Kreml kommt.

Allerdings hat Longo in der letzten Zeit jeden Gedanken an einen Bruch mit Moskau weit von sich gewiesen. Er ist entschlossen, an seinem Urteil über die Invasion der Tschechoslowakei festzuhalten und den eigenen „italienischen Weg zum Kommunismus“ hartnäckig zu verteidigen. Er wjll keine neue Spaltung des kommunistischen Weltlagers provozieren.

Wenn die Sowjets und ihre Trabanten in Bologna nicht selbst zum Angriff übergehen, wird der XII. KPI-Kongreß ganz gewiß nicht eine ideologische Kriegserklärung gegen den Kreml beschließen. Trotzdem verspricht der Parteitag unter zwei Gesichtspunkten zu einem Ereignis zu werden:

1. Die vorbereitende Diskussion in den Sektionen und in den Provinz-Organisationen der Partei hat gezeigt, daß auch die KPI in den Strudel der „Contestation“ zu geraten droht. Der „demokratische Zentralismus“, bisher die beste Garantie gegen eine spontane Rebellion von unten, ist in seiner Wirksamkeit deutlich geschwächt. Besonders unter der Jugend scheint sich eine linke Opposition gegen den „Opportunismus“ und das „Establishment“ der Parteihierarchie zu formieren. Longo hat darauf ähnlich reagiert wie andere Vertreter der etablierten Gesellschaft: Zunächst wich er zurück. Seine anfänglich kritische Einstellung zur anarchistisch orientierten jugendlichen Protestbewegung wandelte sich in den vergangenen Monaten dann zu einer fast bedingungslosen Unterstützung. Das Primat der Radikalität wollte er sich nicht von den Studenten streitig machen lassen. Er selbst stellte sich an die Spitze der „Contestatori“. Damit freilich mußte er auch den Protestierenden in seiner eigenen Partei eine gewisse Aktionsfreiheit zubilligen.

2. Der Parteitag stellt die Sowjets vor ein schweres Dilemma: Wenn sie in Bologna die von den italienischen Kommunisten eingenommene autonome Haltung so eindeutig verurteilen, wie das die „Falken“ im Kreml vielleicht gern möchten, droht tatsächlich eine neuerliche Spaltung des Welt-Kommunismus. Wenn aber Moskau aus Opportunitätsgründen jetzt auf die klare Abrechnung mit dem italienischen „Revisionismus“ verzichtet und sich in Bologna auf eine Erläuterung seines eigenen Standpunktes beschränkt, nimmt es in den Augen nicht nur der italienischen Kommunisten das Prinzip der „Einheit in der Vielfalt“ hin.

Sandra Sassone