Von Josef Müller-Marein

Charles de Gaulle hat es erleben müssen, daß ihm auf einer Reise in die französische Provinz Unwille entgegenschlug – und das noch in der Bretagne, die seinem Herzen so nahe liegt. In Brest malten Bauern ihr Feldzeichen, rote Mistgabeln, an das Rathaus. In Rennes verhaftete die Polizei einige Studenten, die sie, bis auf einen, später freilich wieder freiließ; sie hatten im Rundfunkhaus ein paar Fenster eingeschlagen, in der irrigen Annahme, die Techniker hätten den Beifall für den Staatschef beim Funkbericht hinterlistig verstärkt. In Quimper verriet der General schließlich, daß er die zornigen Zurufe, die Anspielungen auf sein Wort: "Es lebe das freie Quebec" gut verstanden hatte: "Befreien Sie die Bretagne!" Denn er fügte seiner Rede auf dem "Platz des Widerstandes" die Bemerkung hinzu, daß die Befreiung schon vor 25 Jahren stattgefunden habe. Mit voller Kehle stimmte er dann die Marseillaise an.

Aber jetzt wäre Lautverstärkung nötig gewesen. Sei es, daß die Bretonen den Text der Hymne nicht gut genug kannten, sei es, daß ihre Stimmen oder ihr französisches Nationalgefühl eingefroren war: sie verließen, nachdem sie viel Zustimmung bezeugt hatten, etwas kleinlaut den Platz. Nicht der Widerspruch, nicht die kleinen Zwischenfälle, welche die Studenten lieferten, sondern Gleichgültigkeit und Mangel an Enthusiasmus waren kennzeichnend für den Empfang, den die Bretonen dem Staatschef bereiteten. Hinterher war es so, wie es nach de Gaulles Reden meist der Fall ist. Die einen jubelten: "Er hat die erlösenden Worte gefunden!" Die anderen murrten: "Er hat nichts gesagt!"

Die klug dosierte Sentimentalität freilich ergriff viele Leute. Im Andenken an die Zeit der Resistance, in der sich vor allem die Bretonen hervorgetan haben, sagte der Staatschef: "Wie oft flogen meine Gedanken zu Euch, so wie es vor 105 Jahren ein Charles de Gaulle in bretonischen Versen ausgedrückt hat." Und dann zitierte er keltische Reime seines Großonkels, die so begannen: "Va c’horf zo dalc’het..."

Bretonische Verwandschaft, wie er in Deutschland deutsche Verwandte entdeckt hatte? Nein, jener andere de Gaulle aus der gemeinsamen Heimatstadt Lille, der das Unglück hatte, im Alter von zwanzig Jahren gelähmt zu werden, war in Leidenschaft für die keltische Kultur entbrannt, hatte die Sprache gelernt, sich "Barde" genannt. Er sehnte sich hinweg aus der Rue de Vaugirard in Paris, wo er wohnte, nach der Bretagne, die er niemals sah, denn er war an den Rollstuhl gefesselt. Daher die Worte, die de Gaulle im Urtext sprach: Mein Körper ist zurückgehalten / Doch zu Euch fliegt mein Geist / wie der Vogel mit vollen Schwingen / fliegt fern hinüber zu seinen Brüdern."

Diese Worte, die in Quimper keine Übersetzung brauchten, entlockten manchem Augenpaar Tränen. So darf also künftig die Erinnerung daran entschwinden, daß Schulkinder bestraft wurden, wenn sie bretonisch sprachen, der Zorn darüber vergehen, daß es auf vielzitierten Inschriften auf Amtsgebäuden hieß: "Ausspucken und Bretonisch verboten!" Aber gleich darauf fiel Kennern der Geschichte ein, daß Napoleon III. einmal eine ganze Rede in keltischer Sprache gehalten hatte: in Rennes, wo nur wenige ihn verstanden.

De Gaulle hatte den Stolz der Bretonen auf ihre alte Geschichte nicht ohne Grund angesprochen. Nicht nur pflegt rund ein Drittel der zweieinhalb Millionen Bretonen die keltische Sprache. Sondern es ist auch wahr, daß die meisten sogar von denen, die sich heftig und kräftig als Bretonen fühlen, keineswegs an eine Loslösung von Frankreich denken. Sie sind sehr eigenständig, aber separatistisch sind nur die allerwenigsten.