Von Karl-Heinz Wocker

Die Wirtschaftsteile der britischen Tageszeitungen sind ohne Meldungen über Firmenfusionen, Übernahmeschlachten und sensationelle Aktienofferten kaum mehr denkbar. Schon jetzt gibt es in manchen Redaktionen den takeover- und merger-Spezialisten, der sich auskennt in der Monopolgesetzgebung, im Spiel der hin und her fließenden Aktienpakete und vor allem in den Ränken und Listen der reißenden Wölfe, die da unter die bequem gewordenen britischen Schafe gefahren sind.

Natürlich sind – freiwillige oder erzwungene – Fusionen nicht neu in England. Aber bis in die fünfziger Jahre waren sie selten und nicht besonders angesehen. Das Aufkaufen schwacher oder ahnungsloser Konkurrenten überließ man Außenseitern wie Charles Clore. Sein Empire, ausgehend vom Schuhgeschäft, umfaßte bald Schiffbau, Grundstücke von Stadtteilgröße und Warenhäuser; selbst das Ungeheuer von Loch Neß schwimmt auf seinem Grund und Boden. Er wurde auf der Unternehmerseite das, was bei den Gewerkschaften die Transportarbeiter sind, die auch vom Kuchenbäcker bis zur Platzanweiserin alles nehmen, was Mitglied werden will. Dergleichen war zwar nach den geschriebenen Gesetzen des Staates erlaubt, aber nach den ungeschriebenen der City-Moral war es disgusting, anwidernd.

Heute dagegen gilt derjenige Direktor als rückschrittlich, der nicht mitspielt. 1968 haben nach Kenntnis eines Londoner Fusionsberaters – das gibt es längst genauso wie den Steuerberater – rund tausend Verschmelzungen kleinen und großen Maßstabs stattgefunden, zahlreiche andere wurden vergeblich versucht. Die offiziellen Angaben des Handelsministeriums liegen weit unter dieser Zahl, was damit erklärt wird, daß es bei stillschweigenden übernahmen durch Ankauf der Aktienmehrheit ohne Veränderung von Firmennamen oft zu keiner Mitteilung an die Behörden kommt. Wer sich seines Erfolges nicht brüsten will, braucht es nicht zu tun.

Meist aber gerät es an die große Glocke. Da die Schlachten nicht im Direktorenzimmer, sondern an der Börse gefochten werden, läßt es sich nicht verheimlichen, wenn General Electric Company (GEC) im Doppelzugriff Associated Electric Industries (AEI) und English Electric (EE) schluckt. Dies war der take-over-Vorgang des Jahres 1968, die Bildung eines Giganten, der seinem Geschäftskapital nach nun an vierter Stelle in Großbritannien steht (6,3 Milliarden Mark). Vor 10 Jahren lautete die Rangfolge für die drei einzelnen Konzerne noch: AEI Nr. 12, GEC Nr. 16, EE Nr. 20. Hier hat die dynamische Persönlichkeit des 44jährigen GEC-Generaldirektors Arnold Weinstock (mit den Karajan-Lieblingsbeschäftigungen klassische Musik und Autorennen) eine auch nach internationalen Vergleichen imposante Konzentration zuwege gebracht. British Motor Holdings (Austin, Morris, MG und Jaguar) schlossen sich, ebenfalls 1968, mit Leyland Motors zusammen (Triumph, Rover, Lastkraftwagen und Busse). Thorn Electrical Industries und Radio Rentals fusionierten zu einem Konzern, der nun jeden dritten britischen Bildschirm herstellt und 30 Prozent des in England umfangreichen Geschäfts im Verleihen von Fernsehgeräten kontrolliert.

Das Jahr 1969 begann mit einer Wiederholung des Angebots, das der Chemiekonzern ICI vor sieben Jahren gemacht hatte, um Courtaulds, die Textilfirma mit den interessanten Nebenbranchen, zu übernehmen. Der Versuch schlug von neuem fehl. Dagegen hat der Elektro-Riese EMI (Electric and Musical Industries) seinen Raubzug auf Aktien von Associated British Pictures Corporation (ABPC) soeben erfolgreich beendet. So kommen zwei Unterhaltungskonzerne zusammen: Schallplatten, Film, Noten-Urheberrechte und 51 Prozent der kommerziellen Fernsehgesellschaft Thames TV. Bei der Monopolkommission, nach dem Handelsministerium der zweite behördliche Filter für Fusionen, liegen zwei weitere Zusammenschlüsse, die Aufsehen erregen. Unilever, das fünftgrößte Unternehmen des Landes, will mit Allied Breweries fusionieren, dem Brauerei-Konzern, der erst 1961 durch eigene Übernahmen zu seiner gegenwärtigen Bedeutung kam. Das künftige Großunternehmen würde GEC vom vierten Platz verdrängen. Handelsminister Crosland hat diesen Fall der Kommission übergeben, weil ihm hier beim Zug zur Größe bange wurde. Beim Rank/de la Rue-Geschäft erschien ihm der – von den USA her bekannte und gefürchtete – Konglomerats-Aspekt suspekt. Rank ist zwar inzwischen längst kein Filmkonzern mehr und lebt vom Xerox-Verfahren und von Gaststättenketten, nicht von Kino-Einnahmen, aber Banknoten und Spielkarten, die de la Rue herstellt, liegen doch etwas abseits, allenfalls können die neuen Branchen von de la Rue wie Computer ins Konzept passen.

Die Monopolkommission, aus dem 1948er Gesetz über Monopole und restriktive Praktiken hervorgegangen, ist ein schwerfälliges Instrument, das immer nur dann in Aktion tritt, wenn das Handelsministerium es so will. Sie braucht im Durchschnitt ein halbes Jahr zur Durchleuchtung eines Falles, und so lange warten die Kämpen in der Arena der Börse nicht gern. Die Kommission hat sich auch schon einmal 5 Jahre Zeit gelassen. Handelsminister Crosland möchte die Empfehlungen der Kommission in Sachen Unilever/Allied Breweries binnen vier Monaten haben. Amerikanische Antragsteller hingegen bekommen ihr Ja oder Nein meist binnen 24 Stunden. Mit oder ohne Einschaltung der Kommission kann die Regierung nach der Monopol- und Fusions-Gesetzgebung einen Zusammenschluß ablehnen, wenn danach mehr als 30 Prozent eines Marktes von dem neuen Giganten beherrscht werden. In den USA beträgt der Prozentsatz sogar nur 4 Prozent, was die US-Konzerne zum Aufbau von Konglomeraten, zum Ausfächern in andere Märkte veranlaßte. Mit Hilfe ihres politischen Gewichtes kann die Regierung aber auch dann geplante Unternehmenshochzeiten auseinanderbringen, wenn die 30-Prozent-Marke nicht erreicht wird.