Von Ulrich Schiller

Wenn die tollkühnen Jungs auf ihren Motorrädern mit Spikes um die Eisarena jagen, mit Hilfe ihres selbstgebastelten Knieschutzes in der Kurve fast waagerecht liegend, da jauchzt in Moskau auch bei 20 Grad Kälte ein noch immer halb besetztes Stadion. Was den Moskowitern notwendig erscheint, das lassen sie sich auch vom grimmigsten Januarfrost nicht nehmen, das Eislaufen in den Parks unter einer dünnen, dünnen Sonne ebensowenig wie den beschwerlichen Weg ins Restaurant, ins Kino oder ins Theater. Beschwerlich deshalb, weil auch der Eintritt überall erstanden sein will.

„Zwei raus, zwei rein“ ist die Regel für diejenigen, die einmal gemütlich in einem der wenigen Restaurants der Hauptstadt zu Abend essen wollen; Schlangestehen in der Kälte, um einen interessanten Film oder ein gefragtes Theater zu sehen, ist der Preis für ein Vergnügen, das höchstens ein bis zwei Rubel kostet.

Turbulentes Gedränge vor dem kleinen Kassenfenster gehört auch zum Alltag des Taganka-Theaters. Seit vier Jahren hat es noch keine Vorstellung gegeben, die nicht ausverkauft gewesen wäre. Seit vier Jahren – und das ist einer der Gründe dafür – macht Jurij Ljubimow in dem kleinen Eckhaus am Taganka-Platz im Moskauer Osten Theater; modernes und gemessen an der gegenwärtigen Gesamtsituation der Kunst in der Sowjetunion kritisches Theater. Das Publikum besteht vorwiegend aus jungen Leuten. In der vorhergegangenen Saison waren sie fasziniert von der komödiantenhaften, unorthodoxen Art, in der Ljubimow die Oktoberrevolution nach dem Buch von John Reed „Zehn Tage, die die Welt erschütterten“ auf die Bühne brachte. In dieser Saison ist es Majakowskij, der die Besucher elektrisiert. Dazwischen lagen bange Tage für die Moskauer Theaterfreunde: Kulturfunktionäre der Partei hatten den kritischen Trend an der Taganka gefährlich gefunden, Ljubimow sollte gehen. Der unerschrockene Regisseur hatte aber bereits die Flucht nach vorn angetreten und in einem Brief an Parteisekretär Breschnjew offene Klage geführt, daß in dem gegen ihn erzeugten Klima sein künstlerisches Schaffen bedroht sei. Wir wissen nicht, welche Gründe Breschnjew bewogen haben, jedenfalls hat er interveniert und wissen lassen, er wünsche, daß Ljubimow bleibt. Hatte vielleicht auch der mächtigste Mann ein Gespür dafür, daß der ohnehin nicht eben üppig besetzte Moskauer Theaterhimmel nicht auch noch diesen Stern verlieren durfte?

Unter dem Titel „Posluschajte!“ – „Hört zu!“ – geht nun also mehrmals im Monat eine aus Majakowskijs politischer Dichtung bestehende Inszenierung Ljubimows über die kleine Taganka-Bühne. Der Regisseur hat Majakowskijs Text auf fünf Personen verteilt. Fünf verschiedene „Majakowskijs“ spielen die Grundelemente seines Lebens: Krieg, Revolution, Liebe, Kunst. „Hört zu!“ – und das tun die Leute, wie an ihren Reaktionen zu spüren ist, wenn ein Majakowskij-Wort aus den zwanziger Jahren auch die Gegenwart blitzartig getroffen hat. In einem Feuerwerk der Sprache feiern die fünf Majakowskijs die Revolution, kämpfen gegen ihre Totengräber, die Bonzen und Bürokraten, und gegen das Produkt ihrer Herrschaft: gegen den sowjetischen Kleinbürger. Auf offener Szene gibt es Beifall, wenn die trockenen Verwalter des Kunstbetriebes, die Majakowskij-Gegner von damals, wie auf Kommando die Zeitung des Kultur-Ministeriums „Sowjetskaja Kultura“ aus der Tasche ziehen.

Der Gegensatz zwischen Majakowskijs Traum und Idee vom Kommunismus und der nachrevolutionären Wirklichkeit bewirkt die ungebrochene Aktualität seiner Stücke. Es wird berichtet, daß Majakowskijs „Mysterium Buffo“ in Leningrad im vergangenen Jahr verboten wurde. Plutschek kommentierte seine gelungene „Banja“-Inszenierung nur mit dem Satz: „Sie ist texttreu von Anfang bis Ende.“

Auch Plutschek gehört zur Elite der Moskauer Theaterregisseure, aber die Zeiten, da er Alexander Twardowskijs „Tjorkin im Jenseits“ als Abrechnung mit der Stalin-Ära ätzend satirisch und in schonungsloser Aggressivität spielen lassen konnte – die Zeiten sind vorbei, und niemand weiß, für wie lange. Seit zweieinhalb Jahren ist „Tjorkin“ aus dem Repertoire gestrichen. Plutschek selbst hat sich nur knapp gegen viele Anfeindungen und Intrigen am Satire-Theater halten können.