Von Kilian Gassner

München-

Fasching – ganz schön und gut, wenn’s nur die „Narrhalla“ nicht gäbe. So wird in Redaktionskonferenzen gestöhnt, die Redakteure legen die Stirn in Falten und tun so, als überlegten sie ernsthaft, wie diese unmünchnerische Karnevalinstitution, die mit Prinzeneinzug, einfältigen Hofmarschallwitzen, Ordensverleihung und Gardeparade garantiert jede Narrenfeststimmung zum Erliegen bringt, endlich aus der Welt zu schaffen sei. Nach fünf Denkminuten gehen sie zum Tagesgeschehen über. Was gibt’s in Bonn, am Stachus, im Pentagon?

So war es vor zehn Jahren, vor fünf, voriges Jahr, heuer. Die „Narrhalla“ überlebte.

Und weil man ihr (unter anderem) nachsagt, sie sei hoffnungslos bürgerlich und kleinkariert, änderte sie flugs für ihren „Preußenball – Bayern herzlich willkommen“ das Motto in „Frau Wirtin hat auch einen Prinzen“. Es sollte ein „Kolle-saler 6 Ball“ werden. Das war eine Idee! Und siehe da: drei ordentlich gewachsene Hofdamen öffnen das Mieder und tragen oben nur Popbemaltes. „Heidi I., die Nackerte“ tritt vorübergehend an die Seite von Prinz Uli I., genannt Senkrechtstarter, weil seine faschingsoffizielle Liaison, Margot I., Tochter des Wienerwald-Brathendlkönigs Friedrich Jahn, der Entblätterung entsagt. Das Publikum darf Wirtinnenverse schmieden und der Sieger, ein älterer Herr mit Brille und Phantasiekostüm, einen Ehrenwalzer drehen – mit einer Barbusigen.

Ein tolles Fest. Noch kurz nach Mitternacht sind fast die Hälfte der Tische und zehn Prozent der Barhocker besetzt. Aber 24 Stunden später haben alle Münchner Zeitungen – ausgenommen die seriöse „Süddeutsche“ – die narrhallesische Nacktszenerie im /Blatt. Quod erat demonstrandum, sagt der „Münchner Merkur „Von dieser Stunde an ist es nackte Tatsache: Die Narrhalla, oft kritisiert, häufig kopiert, doch nie erreicht, will jung und modern sein.“

Wer die 3000 Münchner Bälle, die in dieser Saison in der erschreckend kurzen Zeit von 43 Nächten abrollen müssen, nicht von Berufs wegen in Augenschein nimmt, steht vor der bohrenden Frage: Ist „oben ohne“ das zeitgenössische Faschingskostüm? Den beiden Boulevardzeitungen gelingt es dank hartem Photographeneinsatz, fast täglich ein einschlägiges Photo bieten zu können. Mal ist es eine schwarzhaarige Schöne auf einem Betriebsball, die obenrum nur ein Fischernetz trägt, mal die blonde Edith, die beim Ball der „Filser Buam“ im Löwenbräukeller mit „kunstvoll bemaltem“ Oberteil und weißblauer Nabelschärpe die Linsen auf sich zieht, mal eine Carneval-Couture-Schau in einer Spezial-Boutique, die textilfeindliche Faschingsdamen mit Schaum (garantiert eine ganze Nacht lang haltbar) oder Nudops (Kostenaufwand für das Bepflastern der wichtigsten Körperteile: 7,80 Mark) einkleidet. Oder das Mädchen Dagmar stellt sich nackend zur Schau und kündigt an, daß dies ihr Kostüm beim König-Ludwig-Ball sein werde.