Frankfurt am Main

Ein Name fiel einem nicht ein, als man im Sommer vergangenen Jahres nach dem Tode des hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer gefragt wurde, wer denn sein Nachfolger werden könnte, waren Jurist und Politiker ratlos. Denn der „General“ war weit über die Grenzen Hessens hinaus ein Begriff, Symbolfigur für eine Rechts- und Justizpolitik, die unserer Zeit weit vorauseilte und in die Zukunft wies. Würde es gelingen, einen Mann zu finden, der das Format eines Fritz Bauer hat?

Auch der hessische Justizminister, Johannes Strelitz, wußte auf Anhieb keinen Namen zu nennen, der ein Programm bedeutet hätte, eine Garantie für die Parole „Hessen vom“. Was lag da näher, als aus der Not eine Tugend zu machen: Der Posten des hessischen Generalstaatsanwalts wurde ausgeschrieben. So bewarb sich denn auch Dr. Horst Gauf, Oberstaatsanwalt aus Fulda. „Eigentlich wollte ich gar nicht, aber meine Freunde haben mich dazu ermuntert.“ Und auf den, der eigentlich nicht wollte, fiel die Wahl: Hessens neuer Generalstaatsanwalt heißt Horst Gauf.

Auf die Frage, wie er sich am liebsten die Nachfolge für Fritz Bauer vorgestellt hätte, sagt Horst Gauf unbefangen: „Für eine Übergangszeit einen älteren, etwa 60jährigen Oberstaatsanwalt.“ Er selbst wird im März 45 Jahre alt, kein Übergangsgeneral also. Die nächsten zwei Jahrzehnte werden Hessens Strafverfolgungsbehörden mit Horst Gauf leben müssen.

„Für junge Leute ist die Staatsanwaltschaft der Inbegriff der hierarchischen Bürokratie. Man wird zu sehr in ein starres System gepreßt. Ich breche gern aus konventionellen Bahnen aus.“ Noch heute tut es ihm leid, daß er damals, nach seinem Assessorexamen, nicht die Geduld gehabt hat, auf ein Richteramt zu warten. Denn Richter ist für ihn der Traumberuf.

„Ich bringe eine große Leidenschaft für diese Aufgabe mit“, sagt er. Und: „Was ein normaler Generalstaatsanwalt schafft, das kriege ich auch hin.“ Aber sein Vorgänger war kein „normaler Generalstaatsanwalt“. Der Nachfolger nennt ihn ein „großes titanenhaftes Vorbild, seiner Zeit hundert Jahre voraus. Sein Schatten liegt riesengroß auf meinem Weg; ich kann nur versuchen, ihn auf dem strafrechtlichen Bereich zu ersetzen, nicht sein weltweites Ansehen“. Tatsächlich sieht Horst Gauf sein Amt mit einer Nüchternheit, die einen – denkt man an Fritz Bauer – etwas frieren läßt: „Der Generalstaatsanwalt in Frankfurt, das war ein politisch-juristisches Auskunftsbüro. Es liegt mir mehr, in der Stille zu wirken. Ich würde nicht dazu neigen, zu jeder Frage Stegreiferklärungen abzugeben. Meine Priorität ist der Apparat. Ich will mir nicht umgehend einen Herzinfarkt. holen, bin kein Hansdampfin-allen-Gassen. Ich denke nicht daran, in diesen universellen Spuren weiterzugehen.“

Das bricht so heftig aus ihm heraus, daß man die Barriere geradezu mit Händen greifen kann, die er zwischen sich und seinem Vorgänger aufrichtet. Zum Selbstschutz des Nachfolgers. Verständlich ist diese Reaktion schon; genauso verständlich ist es wohl aber auch, den Nachfolger am Vorgänger zu messen.