Am Main-Ufer herrschte Belagerungszustand. Das Hotel Intercontinental war nur durch einen engen Kordon Bereitschaftspolizei zu erreichen, genauso das große Haus der städtischen Bühnen. Straßenbahnen wurden, unvermutet umgeleitet und hinterließen an den Haltestellen während des Berufsverkehrs Gruppen schimpfender Bürger. Der Rundfunk hatte tagsüber des öfteren bekanntgegeben, daß Kanzler Kiesinger wegen wichtiger Besprechungen in Bonn gar nicht käme. Als es den Demonstranten nicht gelang, die Ketten jener mit Eishockeyhelm-ähnlichen Kopfbedeckungen geschützter Polizisten zu durchbrechen, hielten sie sich an die Generalkonsulate der USA und Spanien, das Amerika-Haus und Kaufhäuser. Der Mercedes von Ex-Kanzler Erhard wurde demoliert, man schrie ironisch „Sieg Heil“ und böse „buh“.

Der amtierende Kanzler kam dann doch, hörte die Berliner Philharmoniker unter Herbert von Karajan Mozart, Richard Strauss und Beethoven konzertieren und versprach anschließend im kleineren Kreise, die gute Sache zu seiner eigenen zu machen. Dieser kleinere Kreis – immerhin rund 200 Personen – beinhaltete das, was die Demonstranten draußen als Establishment bezeichnen: Das Prominenteste, was sich aus den führenden Kreisen von Politik, Wirtschaft und Industrie in der Bundesrepublik auftreiben läßt. Ein derartiges gesellschaftliches Meeting mag nicht eben neu sein. Was den Abend, der mit einem Staatsempfang von Hessens in diesen Tagen leidgeplagten Ministerpräsidenten Zinn begann, doch zu einem außerordentlichen Ereignis werden ließ, war die Tatsache, daß er dem Sport galt. Dressurreiter Josef Neckermann hatte als Vorsitzender der Stiftung „Deutsche Sporthilfe“ vor knapp einem halben Jahr im vormexikanischen Sommer einen solchen Treff, aus dem Augenblick geboren, angeregt. Mitte Dezember war die Idee soweit gediehen, daß man rund 1500 Einladungen verschicken konnte. Mit der Bitte, den Spendenbeitrag von 150 Mark auf das Postscheckkonto FfM. 620 zu überweisen. Die meisten zahlten mehr. Die Einkünfte der Stiftung seit Anfang November 1968 liegen bei 700 000 Mark – gut die Hälfte davon schreibt man der Folge jenes Abends zu, dessen Ausgaben im Rahmen blieben. Auch Maestro Karajan, dessen sportliche Ambitionen bis in seine Kapellmeisterzeit an den Städtischen Bühnen in Ulm zurückgehen, wo er das Fußballtor einer Theaterauswahl zu hüten pflegte, verzichtete auf Honorar. Während die etablierten Kreise des Sports zwanzig Jahre ihre mangelnde Anerkennung in der Gesellschaft begreinten, kam ein Mann, dessen Popularität sich zugegebenermaßen nicht nur darin erschöpft, schöne Pferde schön vorzuführen, und interessierte innerhalb von sechs Monaten Kreise für seine Sache, die dieser schweißtreibenden Begleiterscheinung des Lebens bisher nicht eben nahe standen.

Die äußerlich sichtbare Übertragung des modernen Managements innerhalb so kurzer Zeit in die Bereiche eines Sports, dem auf vielen Präsidentenstühlen das Festhalten alter Zöpfe zur Lebensaufgabe geworden ist, kam vielleicht gerade noch zur rechten Stunde. Es war immerhin interessant zu erleben, daß innerhalb gut einer Woche die Politik in der Bundeshauptstadt dieses Thema eines „Hearings“ für würdig befand, daß man in der nächsten Olympiastadt München als erstes Plakat für 1972 ein Werk Oskar Kokoschkas präsentierte, daß in Frankfurt Benda und Schmeling, Winkler und Brenner, Berg und Ingrid Becker zusammentrafen, daß im zweiten deutschen Fernsehkanal eine einstündige „Publikumsbeschimpfung“ vierer Journalisten zum Thema „Der deutsche Sport als Angeklagter“ möglich war, daß „Bild“ mit einer Aktion „Olympia-Stammtisch“ auch in den Thekenhockern den Wunsch nach einer möglichst gewinnträchtigen Mannschaft 1972 geweckt hat. Nach jahrzehntelangem Pianissimo kommt dieses Fortissimo für den Sport zwar nicht überraschend, aber wohl doch plötzlich. Die Frage bleibt, ob sich für ein derartig völlig neues Tongefühl auch ein Karajan findet. Nach wochenlangen Spekulationen über Nachfolger des Allround-Präsidenten Willi Daume sprach sich das Präsidium des Deutschen Sportbundes jetzt in Kassel wieder recht lautstark für seinen bisherigen Vorsteher aus. Es bleibt dahingestellt, ob man die Regentschaft eines initiativereicheren Mannes fürchtet, ob man sie nur unbequem findet, oder ob man ihr nicht traut.

Bei dem Modellstück energievoller Eigeninitiative in Frankfurt, dessen Einnahmen man als Alibi für Forderungen an die öffentliche Hand betrachten sollte, versuchte ausgerechnet ein Aktiver jene Befürchtungen zu zerstreuen, die da von einer Entfremdung des Spitzensports vom Breitensport. sprechen. Achter-Schlagmann Horst Meyer meinte: „Wir müssen nicht und wir können nicht nur gewinnen – aber wir wollen.“

Dieses löbliche Vorhaben zu erhalten, und zwar bei etwa 4000 jungen Sportlern, aus denen sich die 500 Kandidaten für München rekrutieren sollen, will als eine der Hauptaufgaben der Stiftung „Deutsche Sporthilfe“ verstanden sein. Falls man jedem von ihnen die Metzgerrechnungen, Benzinkosten oder Trainingshosen in einer Höhe von monatlich 250 Mark ersetzt, so ergibt sich bereits für diesen bis zum August 72 noch 43mal wiederkehrenden Zeitabschnitt eine Gesamtsumme von je einer Million Mark. Daß am Grunde dieses Steakgebirges wirklich olympisches Gold schimmern sollte, bleibt natürlich nur Hoffnung. Es wäre aber genauso falsch, davor zu erschrecken und mit den Händen im Schoß auf Wunder zu hoffen, nur „weil es ja immer noch einigermaßen gut gegangen ist“. Daß sich mit aufgekrempelten Ärmeln mehr erreichen läßt, als mit noch so wohlgesetztem Lamentieren, bewies nicht zuletzt jener Abend in Frankfurt. Mehr solch Fortissimo tut not. Ulrich Kaiser