Ende Januar brachten die Wahlen zum Hamburger Studentenparlament einen Linksruck. Der neue AStA schrieb über eines seiner ersten Flugblätter: „Wir haben von den Herrschenden nichts mehr zu erwarten!“ Geplante Vorbeugungshaft, Diskussion um Stipendienentzug, die juristischen Nachspiele zu den Osterunruhen 1968 und der einhellige Bonner Ruf nach mehr Härte gegen Ruhestörer sollen diese These beweisen. Die Skepsis der Studenten scheint nicht ganz unberechtigt, wenn man bedenkt, wie Bonn früher auf Ruhestörungen reagierte, etwa wenn demonstrierende Bauern „ihren“ Minister symbolisch in Gestalt einer Puppe aufhängen oder wenn Bergarbeiter an der Ruhr unter roten Fahnen gegen Zechenstillegungen protestierten: in solchen Fällen kamen die Politiker schnell mit der Gießkanne der Subventionen.

Gerade in dieser verhärteten Situation im ausgehenden Wintersemester erscheint es nützlich, wenn Professoren, also „Herrschende“, zeigen, daß man von ihnen doch etwas erwarten kann:

„Reform als Alternative. Hochschullehrer antworten auf die Herausforderung der Studenten“; herausgegeben von Alexander Schwan und Kurt Sontheimer; Westdeutscher Verlag, Köln 1969; 173 S., 8,80 DM.

Zwar repräsentieren die acht in diesem Band versammelten Hochschullehrer eine Minderheit in der deutschen Gelehrtenrepublik. Immerhin haben einige von ihnen schon selbst, gegen Widerstände ihrer Kollegen, Reformen praktiziert und notfalls den Aufstand geprobt, so daß ihre Stimmen im Chor der Reformer besonders auffallen.

Politisch oder hochschulpolitisch bewegen sie sich keineswegs auf einer einheitlichen, womöglich „linken“ Linie. Die Spannweite reicht von dem Münchner Politologen Hans Maier mit seiner These vom langwierigen Weg – der Überzeugung, über den Berliner Politologen Kurt Sontheimer, der die „radikale Ouvertüre“ für notwendig hält, wenn man das Stück „Reform“ spielen will, bis zu dem Bielefelder (ehemals Göttinger) Pädagogen Hartmut von Hentig mit seiner Besorgnis, daß Reformen scheitern könnten, weil sie nicht radikal genug seien.

Mühsam überzeugen? Reicht das bei der Mehrheit der Ordinarien, die ja bei einer Reform die einzigen sind, die Macht abgeben müssen? Alle anderen Gruppen können nur gewinnen. Notwendige „radikale Ouvertüre“? In Bonn und vielen Bürgerhäusern hört man das ungern, zumal vielen die Ouvertüre schon zu lange dauert. Allerdings ist das eher die Schuld der elf Dirigenten, die noch immer nicht den Einsatz für das Stück „Reform“ gegeben haben, weil sie sich trotz jahrelanger Proben nicht auf eine Partitur einigen können.

Im politischen Abschnitt des Buches „Zur Reform der Demokratie“ rät Hans Maier zu einer „integrierten Reformplanung als Ergebnis einer methodischen Reformdiskussion“. Die Frage, wie lange nun eigentlich noch diskutiert werden soll, bis etwas geschieht, bleibt unbeantwortet.