Im Vorraum schon wurden die Gäste mit Musik empfangen, Jazz aus Nürnberg, Komponist: Werner Heider. Auf dem Korridor zum Kleinen Sendesaal dann Elektronisches. In einem Hörspielstudio strapazierten vier Musiker ihre Instrumente, nebenan zeigten acht Schlagzeuger, wie viele Apparate man um sich herum versammeln und bedienen kann. Im Foyer zum Großen Sendesaal ließ Klaus Hashagen zu seinem Tonbandstück „Percussion V“ sechs Besucher an Trommeln, Glocken, Becken und mit Gesang das Kind im Manne spielen; und Michael Vetter produzierte nebenan „Reaktionen auf Revolutionäre – für einen Blockflötenspieler und Protestierende“.

Das Ganze nannte sich „Offenes Konzert“; es fand am Wochenende in Hannover bei den „Tagen der Neuen Musik“ statt.

Inmitten dieser Langeweile behauptete sich der Darmstädter Hans Ulrich Engelmann mit der musikalischen Szene „Ophelia 69“ – nicht weil er es gegen die übrigen „Aktivitäten“ so leicht, sondern weil er ein gutes Stück geschrieben hatte.

„Ophelia 69“ ist eine Aufgabe für eine (man muß wohl sagen:) Mimin – Miriam Goldschmidt dachte sich für sich selber das Spiel aus, eine Mischung aus Tanz und Pantomime, Schauspiel und freier Bewegung im Raum, die Rolle eines Clowns mit abrupten Wechseln zwischen Groteske und Melancholie, zwischen Verzweiflung und irrsinniger Freude. Surreales und Naturalistisches wechseln schlagartig wie in harten Filmschnitten. Ophelia, ein dunkelhäutiges Mädchen in schwarzem Trikot oder in langem schwarzem Gewand – wie eine Gospelsängerin schaut sie ekstatisch in

irgendwelche Fernen, und ihre rote Narrennase leuchtet dazu. „Ophelia“, sagt Miriam Goldschmidt, „ist ein zeitloser Zustand, der eintritt, wenn die reale Welt und die irreale einander überschneiden.“

Den ständigen Wechsel, die Überschneidungen von Realem und Irrealem hat Hans Ulrich Engelmann mit Collagen aus instrumentalen und elektronischen Klingen, aus Zwölftonmusik und Jazz eingefangen. Seine Episoden laufen über einzelne Phasen synchron zur Aktion der Ophelia; plötzlich jedoch sind die Charaktere gegensätzlich geworden. Lyrisches zu dramatischer Szene und umgekehrt.

Traditionelle symphonische Musik mit Jazz zu verschmelzen, haben nach Gershwins Rezept viele Musiker ohne großen Erfolg versucht. Engelmann zieht unter ein Zwölftongebilde einen langsam immer kräftiger werdenden Rhythmus, schließlich steckt man mitten in einer Jazz-Suite. Einen Chor aus acht Köpfen – in Clownsmasken über eine Wand hinausragend – läßt Engelmann ein dichtes Gewirr von Schleiftönen singen, und so baut er sich eine Brücke hinüber zu seinen elektronischen Band-Komplexen, die aus vier Kanälen ringsumher auf den Zuhörer einstürzen. Das ist handwerklich gekonnt und beeindruckt auch Skeptiker.

Engelmann hatte den Mut, die sogenannte ernste Musik mit Pop-Effektenzu durchsetzen. Solcher Mut ist bei den „richtigen“ Komponisten noch rar. Jetzt fehlt uns ein Opernintendant, der die „Ophelia“ von Goldschmidt/Engelmann über die beiden Hannoveraner Konzertaufführungen hinaus auch einmal auf einer Studiobühne herausbrächte. Heinz Josef Herbort