Von Hans-Joachim Deckert

Diesmal ist kein Springer auf dem Schachbrett. Zwanzig Zeitungsverleger laufen sich notfalls die Hacken ab, um die „Saarbrücker Zeitung“ zu erwerben, doch der Cäsar der Branche rührt keine Hand. Er weiß, daß er keine Chance hat. So uneins die Saarländer sind, wenn es um die Zukunft ihres Regierungsblattes geht – in einem Punkt stimmen sie überein: Springer soll es nicht haben. „Die Welt“ fragt denn auch gelassen, ob das Blatt überhaupt verkauft werden müsse. Die Antwort ist längst gefunden. Kein Verlag kann sich noch Hoffnungen machen, das lohnende Objekt, das mit einer verkauften Auflage von rund 160 000 Exemplaren im Saarland monopolartig verbreitet ist, als Ganzes einkaufen zu können. Nur haben manche Interessenten und Rezensenten das noch nicht gemerkt.

Wenn die Zukunftspläne für die „Saarbrücker Zeitung“, vom erregenden Stichwort „Pressekonzentration“ genährt, gelegentlich den Boden der Realität verlassen, so haben die Politiker der Landeshauptstadt allerdings das geringste Recht, sich zu wundern. Die Privatisierung kam ins Gerede, als Finanzminister Helmut Bulle (CDU) im vorigen Frühjahr nicht mehr wußte, wie eiseinen vom Steuerrückgang der Montanindustrie bedrohten Haushalt ausgleichen sollte.

Damals erinnerte man sich daran, daß die Zeitung, die als Erbe verworrener Kriegs- und Nachkriegsverhältnisse im Alleinbesitz des Landes ist, ja doch irgendwann veräußert werden müsse. Der Gedanke war absurd, denn das höchste Angebot lautet auf 25 Millionen Mark, und der Saarhaushalt für 1969 hat eine Summe von 1,1 Milliarden. Ob Verkauf oder nicht – irgendwie muß das (neben dem bei Saarlouis stehenden Privatsender „Europa I“) letzte Unikum des deutsch-französischen Saarvertrages, der Staatsbesitz am wichtigsten Informationsorgan, geregelt werden.

Die 1761 gegründete „Saarbrücker Zeitung“, eine der ältesten redaktionell selbständigen Zeitungen Deutschlands, war 1921 der Gründerfamilie Hofer entglitten. Nach einer Umgründung in eine AG mußten sich die Hofers mit 40 Prozent zufriedengeben. Ein kleiner Anteil geriet in die Hand einiger Industrieller, worunter sich zwar der Keramikfabrikant Luitwin von Boch befand, nicht hingegen irgendein Mitglied der Familie Röchling, dem anhaltenden Geraune vom „Röchling-Blatt“ zum Trotz.

Mehrheitsaktionär war schon damals die Concordia GmbH des ominösen Dr. h. c. Max Winkler, eines späteren Goebbels-Vertrauensmannes. Von ihm führte der gerade Weg in die NS-Presse. Die Zeitung fiel dem französischen Staat, der sie schon 1930 kaufen wollte, 1945 als Beute zu.

Nach der politischen Rückgliederung der Saar ließen sich die Franzosen das Blatt abkaufen. Für 1,3 Millionen Mark, einen Freundschaftspreis, erwarb das Land 1956 alle Anteile der Presseverlag Saarbrücker Zeitung GmbH. Ein Zusatz zum Luxemburger Abkommen bestimmte, daß die Redaktion, die bis dahin Johannes Hoffmanns Separatistenpolitik hatte dienen müssen, bis zu einer „endgültigen Vereinbarung“ (accord definitif) unabhängig zu führen sei.