Eine Kriminalsache erregt in Frankreich Aufsehen, nicht zuletzt, weil dabei der Schauspieler Alain Delon genannt wird. Vorläufig heißt die Sache nach ihrem Opfer: "Fall Markovič". Wie wird sie morgen heißen?

Am Hang einer Abfallgrube bei Eleancourt, einem Flecken nicht weit von Paris, wurde am 1. Oktober vorigen Jahres die Leiche eines jungen Mannes gefunden. Sie stak in einem Plastiksack, trug einen Knebel im Mund und Fesseln an den Armen, viele offene Runden an Kopf und Gesicht. Dem Tod war offenbar ein Kampf vorangegangen. Nicht einer allein, sondern mehrere Männer mußten auf ihr Opfer brutal und gezielt eingeschlagen haben. Dieerste Obduktion – später erfolgte eine zweite – ergab, daß der überaus kräftige Mann an einer Schlagwunde im Gehirn gestorben sei.

Die Polizei identifizierte den Ermordeten schnell. Er hieß Stevan Markovič, ein Jugoslawe, der vor zehn Jahren heimlich nach Frankreich eingereist war. Dann plötzlich schien die Untersuchung zu stocken. Dieser Umstand rief böse Gerüchte entweder hervor oder nährte sie. Denn es war kein Mord wie andere, die in den Zeitungen unter der Rubrik "Vermischtes" abgetan zu werden pflegten. Gleichwohl hatte sich das Drama offensichtlich in "gemischten Welten" abgespielt, im Bereich des Gangstertums, das man in Frankreich "das Milieu" nennt, und dem des populären Ruhmes, des Reichtums, des Amüsements. Der Mann, der auf dem Müllhaufen endete, zweifellos ein Gangster, war in Saint-Tropez, dem Schauplatz mondäner Vergnügungen, eine beliebte Erscheinung gewesen.

Ob Stevan Markovič, den die Frauen einen "schönen, virilen Mann" nannten, schon in Belgrad, wo er im Hause achtbarer Eltern aufwuchs, auf die schiefe Bahn geriet oder erst in Paris, scheint nicht klar zu sein. Jedenfalls hatte er die Neigung, sich eine gewisse Respektabilität zu verschaffen, den "Sohn aus gutem Hause" zu betonen, wobei er es immerhin zum Talmiglanz eines "Playboys" brachte. Doch verlor er dabei nie den Kontakt zu einem Kreise jugoslawischer Landsleute, die ebenfalls herübergekommen sind, darunter einige, die schwerlich hätten sagen können, wovon sie eigentlich ihr Leben fristeten, Leute im Halbdunkel.

Aus diesem Halbdunkel kam eine seltsame Behauptung: Stevan Markovič sei nicht an den Schlagwunden gestorben, sondern schließlich durch einen Pistolenschuß regelrecht nach Gangsterart "fertiggemacht" worden.

Der Untersuchungsrichter René Patard ordnete eine zweite Obduktion der Leiche an. Man fand die Einschußstelle, und es hatte sich sogar um eine Pistole großen Kalibers gehandelt. Wie war es möglich gewesen, daß die Gerichtsärzte dies nicht beim ersten Male gefunden hatten? Wer wollte hier und was vertuschen? Die Gerüchte nahmen zu. Unbekümmert führte indessen Patard seine Untersuchung weiter, ließ durchblicken, daß die Sache viel Geduld erfordere, und in der Öffentlichkeit stellte sich von diesem noch jungen Untersuchungsrichter in Versailles das beruhigende Bild eines Beamten her, der klug, korrekt, keiner Einrede und Einschüchterung zugänglich, zugleich mit den Kriminalkommissaren der "Brigade Mobile" in Paris die Spuren verfolgt.

Am Anfang schien die "Sache Markovič" recht einfach zu sein. Denn der Mann, der den ersten Leichenbefund korrigiert hatte – später suchte er sich über diesen Punkt herauszureden –, lieferte auch sofort die sensationelle Aussage: Am Tage seines Verschwindens, am 22. September, habe Markovič ihm, dem Huros Militschevič, folgendes erklärt: "Wenn du mich in wenigen Tagen nicht wiedersiehst, so gib einen Brief zur Post, den ich an meinen Bruder Alexander in Belgrad geschrieben habe und den unser Landsmann Blagoyevič in Verwahrung hat."