Von Heinz Maegerlein

Es waren merkwürdige Meisterschaften: Schwachen Pflichtleistungen standen großartige Kürläufe gegenüber, erschreckend geringem Besuch eine sehr gute Organisation. Nur in zwei Fällen gab es – leider – keinen Kontrast: Dem oft unbegreiflich schlechten Preisgericht (zu den Besten zählten zu unserer Freude Dr. Zsigmondy aus der Bundesrepublik und Frau Grimm aus der DDR) entsprach das an allen Tagen wenig objektive und in seinen Äußerungen oft sogar taktlose Publikum. Es wurde zwar, das sei ausdrücklich vermerkt, vom Urteil einiger Preisrichter und Preisrichterinnen manchmal bös gereizt, aber die Reaktion machte ihm dennoch keine Ehre. Wir können nur hoffen, daß wir 1972 in München der Welt ein sachkundigeres und faireres Publikum zu präsentieren haben.

Wenn bei jeder niedrigen Note grundsätzlich gepfiffen und gejohlt wurde, obwohl gerade diese Wertungen meist gerecht waren, dann stellte das dem Sachverstand des lautstarken, zugegeben kleinen Teils der Zuschauer das schlechteste Zeugnis aus. Daß man aber Belousova/Protopopov auspfiff, war unwürdig und einfach schlechter Stil.

Im ersten Lauf der Paarlaufkonkurrenz, am Abend der Pflicht, die man wohl präziser „Pflichtkür“ nennt, weil die sieben geförderten Elemente des Paarlaufs nach frei gewählter Musik und in frei gewählter Verbindung dargebracht werden, schien alles erhalten zu bleiben, was im Eiskunstlauf eh und je gewesen war: die „Berühmtheitszehntel“ auf der einen, das Dogma des „Hochdienenmüssens“ auf der anderen Seite. Ludmilla Belousova und Oleg Protopopov mochten noch so vorsichtig, beinahe ängstlich laufen, den Toe-Loop flach und unsicher springen: sechsmal 5,8 in der A-Note für den technischen Wert und gar zweimal 5,9 und viermal 5,8 für die B-Note, den künstlerischen Eindruck, sicherten ihnen einmal mehr die Führung. Irina Rodnina und Aleksej Ulanov aber, ihre anderthalb Jahrzehnte jüngeren Landsleute aus Moskau, blieben trotz untadeliger tempobetonter und sehr schöner Ausführung aller sieben Elemente in der Wertung klar zurück. Wer waren sie auch schon? Nur fünfte der Europameisterschaften des letzten Jahres und danach in Grenoble und bei den Weltmeisterschaften in Genf überhaupt nicht am Start. Nur ein einziger der neun Preisrichter, zu unserer Freude der Vertreter der Bundesrepublik, Dr. Zsigmondy, schien die Paare mit dem gleichen objektiven Blick wie alle Experten auf den Tribünen und die Zuschauer zu sehen, denn nur er setzte die Moskauer auf den ersten Platz vor den großen alten Meistern des Paarlaufs aus Leningrad.

Und doch brachen auch die anderen Preisrichter ganz am Ende der Konkurrenz, 24 Stunden später, ein Tabu: Sie setzten Rodnina/Ulanov in der Kür einstimmig auf den ersten Platz und gaben ihnen damit den Titel., Freilich war zweierlei zusammengetroffen: eine überraschend schwache Darbietung der zweifachen Olympiasieger und vierfachen Weltmeister und eine überragende Leistung des neuen Meisterpaares.

Zu Beginn der Kür der Protopopovs hatte noch nichts auf ihren Sturz hingedeutet. Zum Adagio sostenuto aus Beethovens Sonate cis-Moll, op. 27, der sogenannten Mondscheinsonate, glitten sie langsam in ungestörter Harmonie über das Eis und erfüllten dabei beispielhaft das schöne und oberste Gesetz des Eiskunstlaufs, Musik umzusetzen in Bewegung. Mit dem jähen musikalischen Wechsel zu den Schicksalsepochen aus Beethovens 5. Symphonie aber wendete sich an diesem bitterkalten Abend im Olympia-Eisstadion in Garmisch-Partenkirchen auch ihr persönliches Schicksal: Beim Doppel-Rittberger schlich sich ein grober Fehler ein, die Einzelsprünge kamen ohne Kraft, Höhe und Weite, die schwierigen Schrittkombinationen vergangener Jahre bleiben aus und auch die Glanzpunkte, das beispielhafte dreifache Lasso und die drei unüberbietbar schön gelaufenen Todesspiralen, ein- und auswärts und – neu – vorwärts, vermochten den Gesamteindruck nicht entscheidend zu verbessern. Die Faszination blieb aus, und mehr als 5,7 für den Inhalt und 5,7 bis 5,8 für die künstlerische Aussage konnte auch ein sehr milde gestimmtes Preisgericht nicht gewähren.

Enttäuschender freilich als der Lauf war für uns das Publikum. Daß bei der angedeuteten und auch für uns beileibe nicht geschmackvollen Kußszene Pfiffe ertönten, wunderte uns nicht. Daß die Pfiffe aber dann die restlichen drei Minuten lang beinahe ohne Pause anhielten, empfanden wir als grobe Taktlosigkeit gegenüber einem Paar, das nicht nur Sportgeschichte geschrieben und dem Paarlauf neue Impulse gegeben hat, sondern auch diesmal noch immer eine gute Leistung bot, wenngleich sie an die Sternstunde von Grenoble – fast genau vor einem Jahr – bei weitem nicht heranreichte. Oleg irrt, wenn er tatsächlich glaubt, was er in Garmisch sagte: daß die Pfiffe gegen ihn und seine Frau ein Politikum gewesen seien. Allein der spontane und frenetische Beifall für das Paar, das an diesem Abend Sieger blieb und das ja auch ein sowjetisches Paar ist, straft diese Auffassung Lügen.

Irina Rodnina und Aleksej Ulanov, 19 und 21 Jahre alt, von Olegs großem sportlichen Widersacher, Shuk, trainiert, begannen ihre Kür mit blendend gesprungenen Butterfly-Sprüngen im großen Stile großer Meister und beendeten sie auch so. So brillant sie auch ihre Hebesprünge und Pirouetten und Spiralen darboten, so anmutig sie ihren langsamen Teil zur Musik aus dem Dornröschen-Ballett von Peter Tschaikowsky zelebrierten, Höhepunkt waren zwei Sprungkombinationen, die man so schwierig, noch in keinem. anderen Paarlaufprogramm gesehen hat, Man staunte schon, als sie die erste Viererkombination sprangen: Axel, Doppel-Toe-Loop, Euler und Salchow, aber man bewunderte das unerhörte Risiko, als sie nahezu das gleiche später. noch einmal wagten: Spreizsprung-Doppel-Toe-Loop-Euler und Doppel-Salchow! Hier zeigte sich, was gute Einzel-Kürläufer, als die sie beide begonnen hatten, im Paarlauf zu leisten vermögen. Der dynamische, dabei nie hektische Lauf ging in einem Jubelsturm der etwa 8000 Zuschauer unter. Und endlich, endlich zogen die Preisrichter nach: Siebenmal 5,9 und zweimal 5,8 für Inhalt, dreimal 5,9 und sechsmal 5,8 für den künstlerischen Eindruck – der Sieg der beiden Sportstudenten war auch den Zahlen nach eindeutig.

Dritte wurden die sowjetischen Meister dieses Jahres Tamara Moskwina/Aleksej Mischin, die auch diesmal, wie bereits vor einem Jahr, den anerkennenswerten Versuch machten, mit neuen Figuren aus den Paarlaufkonventionen auszubrechen, aber doch recht unfertig wirkten und auch diesmal Tempo bisweilen mit Hast verwechselten. Auf dem vierten Rang endeten die beiden Ostberliner Studenten Heidemarie Steiner/Heinz-Ulrich Walther knapp vor Gudrun Hauss/Walter Häfner aus Mannheim. Die Berliner, die in der Pflichtwertung nach einem deutlich sichtbaren Fehler in der Todesspirale gegenüber Hauss/Häfner zweifellos zu gut weggekommen waren, konnten auch in der Kür nicht an ihre vorjährigen sehr guten Leistungen anknüpfen, ihre Darbietung blieb merkwürdig farblos und ohne strahlenden Höhepunkt. Gudrun Hauss und Walter Häfner haben in Garmisch geleistet, was man sich von ihnen erhoffen durfte – ein wirklich großes Paar werden sie sicherlich nicht, dazu fehlt die Ausstrahlung.

Ganz erstaunlich die kleine, gerade erst zwölfjährige Manuela Groß aus Ostberlin. Gewiß bestand zwischen ihr und ihrem 18jährigen Partner Uwe Kagelmann nicht nur ein Unterschied in den Jahren, sondern auch ein Größenunterschied von 33 cm – aber unübersehbar war, mit welcher Anmut das Kind, schon schwierige Passigen der Kür darbot – hier wächst ein großes Talent heran. Marianne Streifler/Herbert Wiesinger litten unter einer früheren Verletzung der Partnerin, deshalb hätten wir hier lieber die Drittplacierten unserer Meisterschaft, Basler/Rausch, gesehen, die für die Zukunft einiges versprechen.

Qualitativ stand die Konkurrenz der Herren weit unter der Meisterschaft der Paare, so weit, daß man eigentlich den Mantel der Vergessenheit darüber breiten sollte. Weder der Slowake Nepela, der siegte, noch der Franzose Pera, der Zweite, zeigten in Pflicht und Kür Leistungen, die den Erstplacierten der Europameisterschaften würdig waren. Vor allem in der Pflicht scheint es immer weiter bergab zu gehen, und in der Kür gefielen zwar einige dreifache Sprünge – Joe-Loop, Salchow und zweimal sogar der dreifache Rittberger –, aber zumeist wurde ohne jeglichen Zusammenhang mit der Musik gelaufen und die Haltung arg vernachlässigt. Bester Deutscher war Günter Zöller aus Chemnitz als Vierter. Eine ausgezeichnete Kür lief der Düsseldorfer Klaus Grimmelt, eine Kür voller Schwung und Schwierigkeit, aber er hatte das Pech, bereits als zweiter Teilnehmer auf das Eis zu müssen, und erhielt prompt statt berechtigter 5,5 bis 5,6 nur 5,3 bis 5,4. Begabtester des Nachwuchses der erst dreizehnjährige Jan Hoffmann aus Dresden, der alle Doppelsprünge bereits beherrscht. Die beiden Vertreter der Bundesrepublik, der Meister Reinhard Ketterer und Klaus Grimmelt, lagen nach der Pflicht zu weit zurück, um bessere Plätze als im Mittelfeld erringen zu können.

Rundum erfreulich war im Gegensatz zu früheren Jahren die Konkurrenz der Eistänzer. Wo einst, von Ausnahmen wie den jeweiligen englischen Weltmeistern, dem tschechischen Meisterpaar Eva und Pavel Romanow, dem französischen Meisterpaar Guhel und den deutschen Meistern, den Ehepaaren Kwiet, Burckhardt und Matysik abgesehen, oft Endzwanzigerinnen am Arme 18jähriger Jünglinge dahinschwebten und oft mehr komische als sportliche Eindrücke weckten, standen jetzt fast ausnahmslos sportlich gute und optisch meist sehr schöne Paare auf dem Eis. Die alten und neuen Meister Diane Fowler und Bernard Ford enttäuschten zwar in den ersten zwei Dritteln ihrer Kür, machten aber viel mit dem wirbelnden Finale wieder gut.

Überragendes Paar der Kür war freilich das drittplacierte des Wettbewerbs, das sowjetische Paar Pachomova/Gorschkow. Was diese beiden Moskauer Studenten an Einfallsreichtum, blitzschnellen Drehungen, eigenwilligen Figuren und schwierigen Kombinationen aufs Eis zauberten, war mit Abstand das Beste, was wir jemals im Eistanz gesehen. Daß ihnen die Preisrichter nur die zweitbeste Note hinter den Weltmeistern zubilligten, zeigt einmal mehr, wie wenig objektiv bei diesen Meisterschaften war.

Nach ihnen gefielen uns am besten die Sympathischen. Ravensburger Geschwister. Angelika und Erich Buck. Gewiß fehlte bei diesem schönen Paar die Fülle der kleinen Raffinessen, gewiß war der Tanz der beiden nicht keß oder sehr spritzig, aber dafür ganz gewiß in Haltung und Schönheit der eleganteste und reifste. Da er auch eine ganze Reihe hoher Schwierigkeiten aufwies, hätten wir ihn auf jeden Fall über das zweite englische Paar Sawbridge/Lane gestellt, das einmal mehr stark überbewertet wurde und den zweiten Gesamtplatz vor den Russen und vor unserem Meisterpaar gewiß nicht verdient hatte.

Ebenso groß wie bei den Paaren war die Spannung vor der Konkurrenz der Damen. Ihr Reiz lag im erwarteten Zweikampf der Titelverteidigerin, der bildschönen Tschechin Hana Maskowa, und der Chemnitzerin Gaby Seyfert, die der großen Konkurrentin zwar bei der Europameisterschaft 1968 überlegen war, dafür aber bei den Olympischen Spielen in Grenoble und der Weltmeisterschaft in Genf hinter Peggy Fleming jeweils den zweiten Platz vor Hana Maskowa belegt hatte.

Die Pflicht hatte allerdings bereits eine recht deutliche Vorentscheidung gebracht. Hana Maskowa lag danach bereits 32 Punkte hinter Gaby Seyfert zurück. Vor beiden rangierte, wie erwartet, die erst 17jährige großartige Pflichtläuferin Beatrix Schuba aus Wien, die die mit Pflichtnoten sonst sehr geizenden Preisrichter zu fünf Wertungen über 5,0 bewegen konnte. Da ihr Vorsprung vor den beiden Konkurrentinnen aber nur 39 beziehungsweise 71 Punkte betrug, schien die Reihenfolge vor der Kür bereits festzustehen: erste Gaby, zweite Hana, dritte Beatrix.

Daß diese Reihenfolge auch am Ende verkündet wurde, war freilich nur ein letzter Fehler der bei dieser Meisterschaft leider erneut so wenig objektiv richtenden Preisrichter. Denn Hana Maskowa, die als erste dieser drei Titelanwärterinnen aufs Eis mußte, begann zwar im Stile einer Weltmeisterin und weckte riesigen Beifall, als sie gleich im Anfang in beispielhafter Haltung den höchsten Doppel-Axel sprang, den eine Frau je gezeigt hat, aber kam wenig später durch einen Sturz so aus dem Rhythmus, daß die große Linie ihres Laufs mehr und mehr verlorenging. Als zwei weitere Stürze folgten, anstelle der geplanten Zwei- und Dreifachsprünge nur noch ängstlich begonnene und zaghaft beendete einfache Sprünge kamen, gehörte zwar alles Mitleid der bezaubernden Pragerin, aber niemand konnte nach dieser total verunglückten Kür, nach der Hana Maskowa in ihrer tiefen Enttäuschung völlig verständlich sofort das Eis verließ und sich den Photographen und der Fernsehkamera nicht mehr stellte, annehmen, daß die Preisrichter Noten zwischen 5,7 und 5,8 für den Inhalt ziehen würden. Die beiden phantastischen Doppelaxel und einige schöne Pirouetten rechtfertigten bei dem Fehlen nahezu aller anderen Doppelsprünge die Bewertung auf keinen Fall. Daß aber zwei der Preisrichter sogar noch für den künstlerischen Eindruck trotz der drei Stürze, vieler Unsicherheiten in den letzten zwei Minuten und der deutlich sichtbaren Ängstlichkeit des gesamten Laufs 5,8 und drei 5,7 gaben, war unbegreiflich.

Nur durch dieses Fehlurteil kam die Österreicherin Beatrix Schuba, die sich stark verbessert vorstellte, wenngleich sie noch immer keine große und ganz gewiß in der Haltung keine „schöne“ Kür läuft, um den hochverdienten zweiten Platz.

Nach dem Debakel ihrer Rivalin hatte es Gaby Seyfert nun leicht. Sie hätte nur ganz auf Sicherheit laufen können. Daß sie es nicht tat, daß sie alles wagte, stellt ihr das beste Zeugnis aus. Ihre Kür wurde nicht nur zum Höhepunkt aller fünf Tage dieser Meisterschaft, sondern war auch die größte Kür, die wir jemals in einem Damenwettbewerb sahen. Endlich ist bei ihr, die in den letzten Jahren schon immer die sportlich wertvollste Kür gezeigt hatte, alles allzu Ungestüme, Derbe, ausschließlich Sportliche abgefallen. Endlich vereint sie Schönheit und Anmut des Laufs mit der Großartigkeit und Sicherheit ihrer Sprünge. Da gab es in den vier Minuten auch nicht die kleinste Unsicherheit. Doppel-Axel, Doppel-Rittberger, Doppel-Toe-Loop, Doppel-Lutz kamen so traumhaft sicher, daß man jeden ihrer Sprünge in einen Lehrfilm hätte aufnehmen können. Dazu die sehr schwierigen Dreier- und Vierer-Sprungkombinationen, Butterfly-Sprünge, schnelle schöne Pirouetten und Schrittkombinationen: 9mal 5,9 für die A-Note, 4mal 6, viermal 5,9 und 1mal 5,8 waren die absolut gerechte höchste Wertung, die meines Wissens je im Eiskunstlauf gegeben wurde. Kann die Deutsche diesen Lauf in Colorado Springs wiederholen, gewinnt sie auch die Weltmeisterschaft.