In der letzten Ausgabe der ZEIT interviewte Nina Grunenberg den Schriftsteller H. GünterWallraff, der im letzten Jahr den Düsseldorfer Fördererpreis für Literatur erhalten hatte. Da Ministerpräsident Kühn (SPD) durchblicken ließ, daß er den ÄPO-Schriftsteller dieses Preises nicht für würdig erachtet, gab Wallraff den Preis zurück. In die Kontroverse Kühn–Wallraff schaltete sich inzwischen auch Heinrich Böll ein. Er forderte den Ministerpräsidenten ultimativ auf, Wallraff zu rehabilitieren.

Er ist ein Fall von tragischer Ironie. Der „Senkrechtstarter“ unter den deutschen Länderpremiers, Heinz Kühn, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, des volks- und problemreichsten Landes der Bundesrepublik, hat die Kohlenkrise bewältigt und die Hochschulreform angepackt. Freund und Feind halten ihn schon jetzt für den unangefochtenen Sieger der nächsten Wahl: ein As für die SPD, ein Trauma für die CDU. Ausgerechnet dieser Politiker ist jetzt ins Straucheln gekommen: Den Ruf nach Zensur hat man aus seinen Überlegungen zur Problematik eines Staatspreises heraushören wollen. Das scheint das Mißverständnis zu sein, gegen das sich Heinz Kühn mit besonderer Entschiedenheit und Glaubwürdigkeit zur Wehr setzt: „Nichts liegt mir ferner als die Neigung zur Einführung einer Zensur, ob für künstlerische, ob für publizistische Äußerungen. Als Journalist und als Politiker halte ich, die Zensur für verabscheuungswürdig. Sie ist unvereinbar mit der demokratischen Grundordnung.“

Da ist das Schlüsselwort von der „demokratischen Grundordnung“, die Heinz Kühn von staatspreiswürdigen Künstlern respektiert sehen möchte. Aber er weist es weit von sich, damit literarischen Konformismus fordern oder gar fördern zu wollen: „Wer einen Staatspreis bekommt, braucht kein Staatspreiser zu sein; er muß sich aber zu den demokratischen Wertvorstellungen unseres Grundgesetzes bekennen.“

Die Skala dieser Wertvorstellung ist nach links weiter geöffnet als nach rechts. Nach rechts sieht Heinz Kühn bei Leuten, die ein Kurt Ziesel für preiswürdig hält, mehr politische Mängel als literarische Tugenden. Nach links hin würde er einen kommunistischen Zeitkritiker wie Egon Erwin Kisch durchaus als Kandidaten für einen Staatspreis akzeptieren. Er nimmt nicht einmal Anstoß daran, daß Hans Günter Wallraff verlauten ließ, von der Staatspreis-Summe möchte er Waffen kaufen, um dem Establishment auf, den Leib zu rücken. Bei Dutschke oder Lefèvre rühmt er die dialektisch trainierte Intelligenz, ohne sie dafür von Staats wegen prämiieren zu wollen.

„Sie haben ohne Kritik und Skrupel einem Autor den Großen Staatspreis des Landes Nordrhein-Westfalen, dotiert mit 25 000 Mark, verliehen, der nicht einmal im Geltungsbereich des Grundgesetzes lebt: dem DDR-Dichter Peter Huchel?“

„Peter Huchel – da stimme ich mit Heinrich Böll überein – ist ein großer deutscher Dichter. Er bekennt sich zu humanen Wertvorstellungen. Von Peter Huchel hatte ich viel gelesen. Von Hans Günter Wallraff beginne ich erst jetzt einiges zu lesen. Erste Leseproben haben mir nicht den Eindruck vermittelt, daß seine literarische Produktion ihn staatspreisunwürdig macht, obwohl ich darüber nicht zu urteilen habe. Die Schwierigkeiten kommen aus anderen Texten, aus Papieren, die längst bei den Akten liegen, und aus anderen, die noch geprüft werden müssen.

Ich habe den jungen Publizisten bislang in keiner Weise diskriminiert. Wenn er sich subjektiv – in Übereinstimmung mit Heinrich Böll – für rehabilitierungsbedürftig hält, so werde ich nicht zögern, meine Meinung über ihn, seine Person und seine Arbeit auszusprechen, wenn die Prüfung aller Einwände und Vorwürfe mich dazu berechtigt. Ich bin auch bereit, mich mit Herrn – Wallraff zu unterhalten, über ihn und seine Sache.“