In der Theorie der Berliner SDS-Gruppe „Kultur und Revolution“, die den Kunstmarkt repressiv-kapitalistischer Praktiken verdächtigt, sieht es so aus: „Das individuell produzierte Kunstwerk gerät in den gesellschaftlichen Zusammenhang des Vertriebs... Kunst als Ware hat es prinzipiell einfacher, vertrieben zu werden ...“

Im Vergleich dazu ein Beispiel aus der Praxis (des „kapitalistischen Kunstbetriebs“): Ein junger deutscher Künstler mit Namen Franz Erhard Walther, der sein Studium an den Akademien Offenbach, Frankfurt und Düsseldorf absolviert hat, sucht seinen spezifischen Beitrag zur „Bewußtseinsindustrie“ zu leisten, indem er seit 1963 Objekte herstellt, deren Zweck(erfüllung) darin besteht, benutzt zu werden, damit das Bewußtsein des Benutzenden erweitert werde. Seine Objekte setzen nach der Vorstellung des Künstlers als Instrumente die wirkliche Teilnahme des Benutzenden voraus: „Was zählt, sind die Fähigkeiten und Unfähigkeiten des Benutzers. Die Objektherstellung ist nicht so wichtig wie das, was mit den Objekten gemacht wird.“

Man kann auf oder in den Objekten, die meist aus grobem Leinen sind, schlafen, man kann sie begehen, man kann sie befühlen, man kann sie betrachten, man kann damit spazieren gehen. Man kann sie auch kaufen.

Jahrelang nahm so gut wie niemand Notiz von den Objekten Walthers. Bei niemand fand er Verständnis für seine Arbeiten, die erstmals 1966 in Aachen, 1967 in München und Düsseldorf zu sehen waren. Walther ließ sich jedoch nicht beirren und fertigt weiter seine Objekte. 1967 siedelte er nach New York über, wo er sich eine größere Resonanz für seine Arbeiten versprach. Aber auch hier gelang es ihm nicht, seine Kunstwerke in den „gesellschaftlichen Zusammenhang des Vertriebs“ zu bringen.

Er bewarb sich auf eine Stellenanzeige, die „künstlerische Fähigkeiten“ voraussetzte. Es handelte sich um eine Konditorei in Manhattan, die ihren Ehrgeiz darein setzt, besonders ausgefallene Tortendekorationen zu liefern. Walthers Zuckergußkunststücke fanden Anklang, und es gelingt ihm seither, mit Halbtagsarbeit in der Konditorei seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Im vergangenen Jahr lernte Walther in New York den jungen Kunsthändler Kaspar König kennen, der sich spontan für seine Arbeiten interessierte und innerhalb von sechs Monaten ein reich bebildertes und mit Aufzeichnungen der Erlebnisse des Künstlers bei der Benutzung seiner eigenen Objekte versehenes Buch herausbrachte – in einer Auflage von 2000 Exemplaren zum Selbstkostenpreis von 35 Mark („Objekte, benutzen“, Verlag Gebr. König, Köln – New York, Auslieferung: Köln, Kolumbastraße 8). Bisher hat es keine Rezension dieses ungewöhnlichen Buches gegeben.

Der Münchner Galerist Heiner Friedrich geht in diesen Wochen das Risiko einer Einzelaufstellung von Objekten Walthers ein. In der Galerie werden bis zum 19. Februar 25 von insgesamt 44 Objekten zu Preisen zwischen 60 Mark und 2400 Mark gezeigt.