Als wir in der letzten Ausgabe zwei Glossen unter der Überschrift „Töricht“ veröffentlicht haben, sagte ein Kollege scherzhaft: das können wir gleich für die nächste Nummer stehen lassen. Was als Spaß gemeint war, ist Ernst geworden. Eine Woche der Unvernunft liegt hinter uns.

Da ist zunächst festzustellen, daß die Polemik gegen die Rationalisierung der Bundesbahn sich zur Hysterie steigert. Nicht mehr Gewerkschaftsfunktionäre allein, Männer aus allen Schichten fühlen sich aufgerufen, „die Bahn zu retten“. Sogar der Bischof von Regensburg äußerte sich: Die Auflösung der Bahndirektion in seiner Stadt, so der geistliche Herr, müsse den Linksradikalismus fördern. Andere sprechen davon, daß die Auflösung eines anderen Amtes in Minden Zweifel am Willen zur Wiedervereinigung wecken werde.

Und alle diese törichten Phrasen, weil Präsident Oeftering und der Verwaltungsrat der Bundesbahn endlich wagen, was sie längst hätten tun müssen: überflüssige Ämter auflösen, die antiquierte Organisationsform modernisieren. Seit Jahren klagen wir über die Milliardendefizite der Bahn. Sobald es ernst wird mit der Rationalisierung, vereinigen sich die Engstirnigen aller Bundesländer nach dem Motto: Alle reden vom Defizit – wir nicht.

Wenn es gilt, Unvernunft unter Beweis zu stellen, darf natürlich der organisierte Mittelstand nicht fehlen. Der Mittelstandkreis der CDU/CSU hat denn auch Minister Schiller vorgeworfen, er plädiere für eine „Anpassungsinflation“. Beweis: Im Wirtschaftsbericht für 1969 werden Preissteigerungen von zwei Prozent als noch akzeptabel bezeichnet.

Kann denn niemand den Herren das Rechnen beibringen? 1968 sind in vielen Ländern die Preise bereits um mehr als vier Prozent gestiegen (bei uns nur um 1,5 Prozent), 1969 werden die USA, Frankreich und andere glücklich sein, wenn sie mit nur drei Prozent Teuerung hinkommen – und dann spricht man bei erwarteten zwei Prozent von „Anpassungsinflation“.

Man könnte noch manch anderes Beispiel für Unvernunft anführen. Beschränken wir uns auf eines: die Kommentare zur Verbindung zwischen Thyssen und Mannesmann. Hier ist einiges falschgelaufen, die Information ist Insidern zu früh bekanntgeworden (siehe Seite 30) – aber die Tatsache selbst ist doch erfreulich. Immerhin erwarten die Beteiligten eine Kostenersparnis von jährlich 100 Millionen Mark.

Statt Beifall für Thyssen-Chef Sohl und seinen Mannesmann-Kollegen Overbeck aber gab es von vielen Seiten Kritik. Laut erschallt der Ruf nach dem Kartellamt – weil die neue Gruppe am Röhrenmarkt in der Bundesrepublik einen Marktanteil von über 50 Prozent erreicht. Also bedeutet die Verbindung der beiden Konzerne eine Einschränkung des Wettbewerbs, so schließen die Kritiker messerscharf – offenbar hat sie niemand davon unterrichtet, daß wir vor über zehn Jahren die EWG gegründet haben, daß Stahl und Stahlerzeugnisse längst Weltmarktprodukte sind. Und auf dem Weltmarkt erreichen Thyssen–Mannesmann nur acht Prozent Anteil. Einschränkung des Wettbewerbs?