Von Heinz Günter Kcmmer

Der Name Vance Hartke wirkt auf die Bosse der europäischen und japanischen Stahlindustrie wie das rote Tuch auf den Stier. Der demokratische Senator aus dem US-Bundesstaat Indiana gilt nämlich als einer der extremsten Verfechter protektionistischer Thesen zum Wohle der amerikanischen Stahlindustrie. Nicht weniger als vier gesetzgeberische Initiativen der Jahre 1963 bis 1969 tragen seinen Namen als Allein- oder Mitautor.

Dieser Eifer zeichnet Vance Hartke nicht zufällig aus. Der rührige Politiker vertritt im amerikanischen Senat das Gebiet, von Gary am Michigansee. Dort befindet sich eines der Zentren der amerikanischen Stahlerzeugung. Auch der Welt größter Stahlproduzent, die US-Steel Corporation, hat hier ihr größtes Werk.

Die Beherrscher der amerikanischen Stahlindustrie bemühen sich schon seit 1960 darum, ihre Regierung auf einen protektionistischen Kurs zu bringen. Ein Jahr zuvor war nämlich für sie eine Welt zusammengebrochen: 1959 mußten sie es zum erstenmal erleben, daß die USA mehr Stahl einführten, als sie jenseits der eigenen Grenzen verkauften. Ursache war der amerikanische Stahlarbeiterstreik, der die US-Stahlproduktion lahmlegte. Für Europas Stahlerzeuger war der dadurch verursachte Produktionsausfall die Rettung, denn zu Hause stockte der Absatz; Hochöfen, Stahl- und Walzwerke waren unterbeschäftigt. Kein Wunder, daß der amerikanische Markt die europäischen Stahlerzeuger anlockte wie das Licht die Motten.

Als der Stahlarbeiterstreik beendet war, dachten die Europäer, nicht daran, sich wieder friedfertig vom amerikanischen Markt zurückzuziehen, sondern bauten ihre Position systematisch aus. Mit ihnen traten die Japaner auf den Plan, die vor allem an der für sie frachtgünstig gelegenen Westküste eine harte Preisoffensive starteten. Und was für die Japaner die Westküste, das ist für die Europäer das Gebiet der Großen Seen, in das sie über den St.-Lorenz-Strom eindringen.

So wurde das Jahr 1959 für die US-Stahlindustrie mehr als nur eine unangenehme Episode. Die Stahlimporte der USA gingen nicht nur nicht zurück, sie kletterten vielmehr ständig – von weniger als drei Millionen Tonnen im Jahr 1960 auf 16,4 Millionen Tonnen im vergangenen Jahr. Mitte 1968 wurde der amerikanische Markt, zu 13,4 Prozent aus dem Ausland versorgt. Größte Störenfriede waren die Länder des Gemeinsamen Marktes, England und Japan, die neunzig Prozent der amerikanischen Importe für ihre Werke buchten. Die amerikanischen Stahlkonzerne, ‚vor wenigen Jahren noch Feinblechlieferanten für europäische Automobilwerke, mußten‘ ohnmächtig zusehen, wie die großen Detroiter Autofirmen mehr und mehr europäische Karosseriebleche, verarbeiteten.

Sie sind an dieser Entwicklung allerdings nicht ganz schuldlos, denn es war ihre Preispolitik, die der Konkurrenz den Weg ebnete. Während nämlich Feinblech in der Bundesrepublik – für rund 500 Mark je Tonne zu haben ist, verlangen die US-Stahlkonzerne für die gleiche Ware fast 570 Mark. Beide Preise gelten frei Abnehmer. Der deutsche Listenpreis beträgt auf Frachtbasis Oberhausen 476 Mark. Und während die Preise in Europa ständig, sanken, setzten die Amerikaner zwischen 1965 bis 1968 die Feinblechpreise um 56 Mark je Tonne herauf.