Unser Kritiker sah:

HABEN

Schauspiel von Julius Hay

Junges Theater, Hamburg

An Julius Hay, dem 69jährigen, im Schweizer Exil lebenden Ungarn, läßt sich beobachten, wie Zeitstücke zu Repertoirestücken werden. „Haben“ zum Beispiel hatte schon vor zwei Jahrzehnten seine vor drei Jahrzehnten aktuelle Tendenz und damit die Stoßrichtung als Zeitstück verloren. 1929 war ein ungarisches Dorf dadurch berüchtigt geworden, daß eine Anzahl von Kleinstbäuerinnen ihre Männer durch Gift umbrachten und, indem sie den nächstreicheren heirateten, um den dann auch zu liquidieren, allmählich ihren Grundbesitz vergrößerten. Hays Schauspiel tendierte gegen eine Landverteilung, deren Ungerechtigkeit aus kirchenfrommenFrauen Verbrecherinnen machte. Als der Autor, der das Stück 1936 in der Sowjetunion geschrieben hatte, nach dem Zweiten Weltkrieg das Dorf, in dem die Handlung spielte, besuchte, waren die sozialen Verhältnisse grundlegend verändert.

Trotzdem setzt „Haben“ seine Theaterlaufbahn fort. Mochten zahlreiche Aufführungen ostdeutscher Bühnen nach Kriegsende Hay noch als Bundesgenossen für eine sozialistische Landreform apostrophieren, so mehren sich inzwischen auch westdeutsche Inszenierungen. Sie spekulieren auf die Bühnenwirkung eines Kriminalfalls, der mit ungarischer Folklore garniert erscheint.

Eine dritte Variante wurde jetzt in Hamburg versucht: Der Schauspieler-Regisseur Richard Münch inszenierte die Psychologie. Hays Personen sind keine Schwarz-Weiß-Figuren. Sie halten eine Weile der psychologischen Durchleuchtung stand. Ella Büchi spielt das Dienstmädchen Mari, das seinen geliebten Gendarmeriekorporal Dani (Fritz von Friedl) auch nehmen würde, wenn er nur Tagelöhner wäre. Weil der aber ein sturer Ehrgeizling ist, nimmt sie berechnend die Werbung des dicken, kranken Großgrundbesitzers David (Rudolf Fenner) an. „Tragisch“: als sie ihn mit Hilfe des „weißen Pulvers“ der Hebamme Képes schon nach der ersten Nacht wieder los wird, hat endlich der Korporal die ersehnte Gelegenheit zu einer „selbsttätigen Anzeige“ und damit Aussicht auf Beförderung im Polizeidienst. Er zeigt die Mutter seines kommenden Kindes, die plötzliche Großbäuerin Mari, sogar als doppelte Mörderin an. Denn Mari hat flugs auch noch ihre neue Stieftochter Zsofi, die ihr auf die Schliche gekommen ist, umgebracht. Das war teils rührend, teils spannend anzusehen, zumal auch Carin Braun (Zsófi) eine auffallende Leistung als Gegenspielerin gelang. Und doch, aufs ganze gesehen: nichts weiter als sentimentale Kolportage.