Von Johannes Jacobi

Das Basler Theater hatte unter seinem neuen Intendanten Werner Düggelin zum zweitenmal eine „Uraufführung“, für die Friedrich Dürrenmatt verantwortlich zeichnete, obwohl im ersten Falle das Stück von Shakespeare stammte („König Johann“) und jetzt August Strindbergs „Totentanz“ den Ausgangspunkt bildete. Die Methode ist nicht neu, aber ergiebig. In den Gesammelten Werken Brechts werden ähnliche Adaptionen nicht als „Stücke“, sondern als „Bearbeitungen“ geführt. „Der Hofmeister“ bleibt auf solche Weise ein Stück von Lenz und wird zugleich ein echter Brecht. „Play Strindberg“ heißt im Untertitel: „August Strindbergs Totentanz‘ arrangiert von Friedrich Dürrenmatt“. Am Ende eines Berichts über seine Umarbeitung resümiert Dürrenmatt: „Aus einer bürgerlichen Ehetragödie wird eine Komödie über die bürgerlichen Ehetragödien.“

Der neue Schauplatz ist ein kreisrunder, heller Teppich, umgeben von schwarzen Vorhängen. Aufgestellt sind alle Requisiten, die Strindberg vorschreibt. Nur die Atmosphäre ist verändert: kein Meer, kein Festungsturm, keine szenische Symbolik. Statt dessen die Situation eines Boxrings. Zwölf „Runden“ werden jeweils von einem Schauspieler angesagt, ein Gongschlag bezeichnet den Beginn jeder Runde. Zwischendurch stellen die Schauspieler selber die Möbel nach Bedarf um. Wer eine Zeitlang nicht beteiligt ist, sitzt sichtbar am Rande der Bühne. Die drei Akte Strindbergs laufen pausenlos in anderthalb Stunden ab. Die Spielrunden haben Überschriften, zum Beispiel: „Abendessen“, „Endlich Besuch“, „Ohnmachtsanfälle“, „Hausmusik“, „Alice philosophiert“, „Krankenpflege“, „Kurt gesteht“, „Abschied“. Überraschend viele Originalsätze Strindbergs blieben erhalten. Durch Kostüme von der Jahrhundertwende wird Distanz geschaffen.

Mit eigenen Worten greift Dürrenmatt dann ein, wenn er Situationen verdeutlichen will. Als Alice ihren Vetter Kurt verführt, wird das in der Sprache von heute gesagt. Je länger die Vorstellung dauert, desto unüberhörbarer wird ein „Anti-Strindberg-Dialog“ von Dürrenmatt. Er kompromittiert Strindberg-Situationen, bis aus der Ironie sogar Witze hervorspringen. Während des Basler „Totentanzes“ wurde wiederholt ehrlich gelacht im Parkett. Dürrenmatt nimmt Strindberg beim Wort. Im zweiten Akt des Originals sagt Kurt einmal: „Es würde komisch sein, wenn es nicht tragisch wäre.“ Dürrenmatt zeigt die Komik einer bürgerlichen Ehe. Für ihn ist sie nicht Hölle, sondern Groteske.

Dürrenmatt hat den abgekürzten Handlungsverlauf Strindbergs umfunktioniert. Der dramaturgische Drehpunkt ist jetzt die Figur des Kurt. Dessen neue Existenz bleibt lange verdeckt, so daß der Spieler einen spannungssteigernden, langen Atem bekommt, Kurt vom „Katalysator“ zur dritten, satirisch motivierten Hauptperson avanciert. Dürrenmatts Kurt ist ein amerikanischer Multimillionär, der Edgars Insel für seine eigenen, dunklen Geschäfte, „an die kein Staatsanwalt herankommt“, benutzen will. Edgars Oberst ist an dem „Geschäft“ beteiligt. Man spürt die Nähe von Dürrenmatts „Frank V – Oper einer Privatbank“. Durch den Blick in eine bürgerliche Ehe ist Kurt von zeitweiligen moralischen Skrupeln befreit und wieder „fit“ geworden. Damit endet „Play Strindberg“.

Die Wirkung? Die Basler Premiere mündete in einen Riesenerfolg für alle – besonders für Dürrenmatt, der gemeinsam mit Erich Holliger auch Regie geführt hatte (Ausstattung: Hannes Meyer). Die drei Schauspieler machten den Eindruck einer Idealbesetzung: Regine Lutz (Alice), Horst Christian Beckmann (Edgar) und Klaus Höring (Kurt). Sie identifizierten sich nicht psychologisch mit ihren Figuren, bezeichneten aber jede Situation genau, trocken und leicht im Ton, stilisiert im Gestus: „Schauspielerartistik“, wie sie Dürrenmatt in seinem Arbeitsbericht verlangt. Handelte es sich um Brecht, würde man von „Verfremdung“ sprechen.

„Aus drei Schauspielern entsteht die Einheit eines exakt spielenden Trios“ (Dürrenmatt). A propos „Trio“ und „Play Strindberg“ kommt man nicht um die Reminiszenz „Play Bach“ und das Loussier-Trio herum. Bachs Substanz konnte es aushalten, vom kammermusikalischen Jazz auch einmal „geswingt“ zu werden. So übersteht Strindberg ein Play Dürrenmatts. Die Methode darf jedoch nicht zur Masche werden, als die „Play Bach“ erstarrte. Dürrenmatt besitzt augenblicklich als dramaturgisches Direktionsmitglied des Basler Theaters die Chance, mit Bearbeitungen als Dramatiker die Grenzen zu überschreiten, die Nur-Dramaturgen und Regisseuren gesetzt sind. Die Ergebnisse solcher Bühnenpraxis sollten einem neuen Originalstoff Dürrenmatts zugute kommen.