Aus so vielen anderen Hauptstädten der Welt läßt sich über existierende oder nicht existierende Revolutionen berichten – aus Wien kaum über die zweite Spezies. Studentenunruhen halten sich in bescheidenem Rahmen.

Lebhafter wurde es erst in diesen letzten Wochen, als der Wahlkampf an den Hochschulen zeitlich zusammentraf mit einem Wiener Besuch des Schahs, der hier seinen Arzt konsultieren wollte. Schlägereien zwischen linken und rechten Persern, eine kommunistische Anti-Vietnam-Demonstration und Studentenumzüge zwischen Universität und Oper verschmolzen da zu einem schwer durchschaubaren Konglomerat. Es gab blockierte Straßenkreuzungen und Raufhändel angesichts einer gelassen zusehenden Polizei. Nun gibt es in Wien eine altbewährte Regel: „Revolution ist, wenn die Ringtramway über die Zweierlinie fährt.“ So tiefgreifende Verkehrsumleitungen aber waren nur für Stunden nötig. Man sieht: eine revolutionäre Situation ist dies gerade nicht – dafür zeigt sie zu viel Neigung, zu Anekdoten zu gerinnen. Das bewiesen dann auch die Hochschulwahlen, um derentwillen diese hitzigen Auseinandersetzungen ins Werk gesetzt worden waren. Die Wahlbeteiligung war geringer als früher, die Mandatsverteilung zeigte kaum nennenswerte Veränderungen.

Doch mußten sich Wiens Studenten ihren Mangel an geistiger Initiative auch von einer anderen Seite her vorwerfen lassen: aus dem Mund Werner Hofmanns, der nächstens die Leitung seines, Museums abgeben und nach Hamburg überwechseln wird. Für Wien wird dies ein fühlbarer Verlust, denn Hofmann war überall dort zur Stelle, wo für die Gegenwartskunst und das Experiment eine Bresche zu schlagen war – und in dem konservativen Wien sind solche Breschen ganz besonders nötig. Aus einem alten Österreichpavillon der Brüsseler Expo ist unter seiner Leitung das Museum des XX. Jahrhunderts geworden, in dem zwischen Hundertwasser und Wotruba, Pop und Kinetik, Hoflehner und Mikl die künstlerischen Trends von heute in immer treffsicheren Fragestellungen präsentiert wurden.

Daß Hofmann nicht gewillt ist, sich mit dem im Gewerbe Üblichen zu begnügen, führte er gerade jetzt noch einmal sehr deutlich vor. Keine Retrospektive, sondern einen Beitrag zu einem neuen Ausstellungsstil kündete er den Besuchern der Roland Goeschl-Vernissage an. Die dort gezeigten großen Objekte wurden in der Ausstellungshalle selbst von den Museums-Angestellten „in freiwilliger Mehrarbeit“ nach den Modellen und unter Anleitung des Künstlers hergestellt.

In seinem Betonglaspavillon am Schweizergarten hat er aber auch noch dem Experimentalfilm und der jüngsten Musik ein Podium geschaffen. Dabei war sein Ankaufsbudget vom ersten Tag an spärlich (drei Millionen ö. S. gleich einer halben Million Mark) und wurde bei der letzten großen Kürzung halbiert. Im Unterrichtsministerium wußte man sehr wohl, was man an Hofmann hatte, und suchte ihn zu halten. Er scheidet keineswegs im Zorn, eher ein wenig enttäuscht über die mangelnde Publikumsresonanz seines Experiments.

Ein kultureller Bericht aus Wien muß weiteres verzeichnen, daß in diesem Jänner auf, Wiener Bühnen ein alles eher denn ortsüblicher Drang zum Zeitdrama und zum Experiment über die eben noch von kulinarischen Weihnachtspremieren verwöhnten Wiener hereinbricht. Im Burgtheater wurde soeben „Prozeß in Nürnberg“ von dem Ostberliner Rolf Schneider erstmals in Westeuropa inszeniert.

Schneiders Stück ist ein Digest des Nürnberger Prozesses: konzentriert auf fünf (in Wien auf vier) der angeklagten Kriegsverbrecher. Es ist geschickt und spannungsreich gebaut, zeigt aber gleichwohl die Fragwürdigkeit des dokumentarischen Theaters, wenn es letztlich in die Nähe dessen gelangt, was man in der Illustriertenbranche einen „Tatsachenbericht“ nennt. Seine Spitze zielt eindeutig gegen Amerika und gegen Vietnam, wenn im Schlußsatz der US-Ankläger erklärt, nach den Grundsätzen, nach denen man hier zu Gericht gesessen sei, werde man selbst dereinst zur Verantwortung gezogen werden. In der Burgtheaterpremiere zeigte sich gleichwohl, daß das, was hier antiimperialistisch gemeint war, sich sehr gut auch antidemokratisch auslegen läßt. Wenn einmal der Szenenapplaus der Anprangerung nazistischer Verbrechen galt, gab es gleich nachher Gegenapplaus, wo es gegen die alliierten Sieger von 1945 ging. Wenn sich aber auch gegen diese Nürnberg-Reportage vieles einwenden läßt, gab es doch unter Kurt Meisel eine packende und zwingende Aufführung: mit Heinrich Schweiger als Göring, mit Paul Hoffmann als Schacht, mit Paul Hörbiger als einem Überlebenden aus dem Getto von Wilna und vielen anderen „luxuriös“ besetzten Episoden.