Der britische Premierminister Harold Wilson traf am Dienstagabend auf dem Flughafen Wahn zu einem dreitägigen Besuch in Bonn und Westberlin ein. Vor 16 Monaten hatte Bundeskanzler Kiesinger London besucht.

Diesmal standen weltpolitische Fragen, das Ost-West-Verhältnis, die Lage in Berlin, ein langfristiges Devisenhilfeabkommen für die britische Rheinarmee, die Bildung eines europäischen Kerns innerhalb der NATO und die Erweiterung der europäischen Gemeinschaften auf der Tagesordnung.

Den Hintergrund für Wilsons Deutsch-, landtrip bildeten eine Reihe europäischer Initiativen, die die britische Diplomatie in den letzten Wochen entwickelt hatte:

  • Der ehemalige Außenminister George Brown reiste durch die Hauptstädte des Kontinents und warb für eine supranationale Föderation Europas.
  • Verteidigungsminister Denis Healey propagierte auf einer Tagung in München seine Vorstellungen von einem „European Caucus“, einer europäischen NATO-Kerngruppe.
  • Außenminister Stewart kämpfte auf dem Treffen der Westeuropäischen Union (WEU) in Luxemburg für den Plan seines italienischen Kollegen Nenni, der obligatorische Konsultationen der WEU-Partner über außenpolitische Fragen vorsieht.

Gegen den hinhaltenden Widerstand Frankreichs versuchten die Benelux-Staaten möglichst viel von dem Nenni-Plan zu retten. Sie erklärten sich freiwillig bereit, sich auf der Ebene der Ständigen Vertreter (Botschafter) oder gar des Rates der WEU (Minister) vor wichtigen außenpolitischen Entscheidungen zu konsultieren, wenn; ein Mitgliedsstaat es wünsche.

Stewart wertete dieses Ergebnis als „entscheidenden Schritt vorwärts zur europäischen Einheit“. Frankreich kann freilich mit seinem Vetorecht jede Tagesordnung des Ministerrats beeinflussen.