Trübsal am 20. Geburtstag des östlichen „Comecon“

Von Hansjakob Stehle

Nur gedämpft klangen die Festfanfaren, als im Januar die sieben Mitglieder des osteuropäischen „Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe“ (Comecon) den 20. Geburtstag ihrer Organisation mit einer feierlichen Sitzung in Ostberlin begingen. Obwohl acht Jahreälter als die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), hat das Comecon die Wirksamkeit seines westlichen Gegenparts nicht annähernd erreichen können. Es blieb weit davon entfernt, sich als Wirtschaftsblock zu integrieren oder gar expansiv auf den Weltmarkt auszugreifen. Zwar konnte der sowjetische Comecon-Sekretär Faddejew stolz vermelden, daß die sieben Länder in zwei Jahrzehnten ihre Industrieproduktion versechsfachen konnten, aber er mußte auch den Finger auf den wunden Punkt dieser Entwicklung legen: Während der Anteil der Comecon-Länder an der Welt-Produktion auf 31 Prozent stieg, blieb ihr Anteil am Welt-Handel bei elf Prozent zurück.

In diesem Zahlenverhältnis spiegelt sich auch der Stand der Beziehungen innerhalb des Comecon, wo die Koordination der langfristigen Pläne, die Spezialisierung der Produktion und der Außenhandel zwischen den Ländern trotz vieler Anläufe unterentwickelt blieb, gefesselt an scheinbar unausrottbare Autarkietendenzen der sozialistischen Planbürokratie. „Statt große Serien zu produzieren, agiert jeder auf eigene Faust; es fehlt an ausgearbeiteten Vergleichsmethoden für Preise und Kosten im internationalen Warenverkehr; wir handeln anachronistisch, tauschen Ware gegen Ware ...“, so klagte vor kurzem ein polnischer Experte in der Warschauer „Polityka“.

Nirgendwo ist die Kritik an den Mängeln des Comecon und der Ruf nach Integration so laut geworden wie in Polen, wo der Parteichef des oberschlesischen Industriereviers, Gierek, sich nicht scheute, den Westen als Vorbild zu nennen: „Die Feinde des Sozialismus kennen besser als irgendwer sonst die Vorteile einer integrierten Wirtschaft.“ Aber nirgendwo begegnet man eben dieser Idee mit solcher Abneigung wie in Rumänien, wo das Parteiorgan „Scinteia“ am Vorabend der Ostberliner Jubiläumstagung das Gespenst eines „Superstaates“ an die Wand malte. Die Rumänen hüteten sich freilich, nationalistische Argumente vorzuschieben, sie gaben sich als Verteidiger des rechtgläubigen Marxismus: Es sei doch unbegreiflich, empörte sich die „Scinteia“, daß man Formen und Mechanismen, die den Stempel des Monopolkapitalismus tragen, als Modelle für sozialistische Zusammenarbeit verwenden wolle!

Der Geburtsfehler von 1949

Genau um eine solche Übernahme geht es jenen Partnern des Comecon, die auf einen Umbau der Organisation, eine Änderung ihres Status drängen und all das auf der seit Monaten angekündigten, aber immer wieder verschobenen Gipfelkonferenz der Parteichefs zur Debatte stellen wollen. Das Haupthindernis, auf das die Rumänen jetzt immer wieder anspielen, ist dem Comecon freilich schon – gleichsam als Geburtsfehler – in die Wiege gelegt worden. Als Stalin die Organisation 1949 ins Leben rief, dachte er natürlich nicht an einen „gemeinsamen Markt“, es ging ihm um eine mehr propagandistische Gegengründung zum westlichen Marshallplan und zum 1948 entstandenen Europäischen Wirtschaftsrat (OEEC).