Physikern und Chemikern in unserem Lande bietet sich die Chance, ein noch kaum betretenes, reiche Erkenntnisernte versprechendes Forschungsterrain zu erschließen – die Schwerionen-Physik. Hier sind neue chemische Elemente mit noch ungeahnten Eigenschaften zu finden; hier werden neue Wege zur Enträtselung der Atomkernstruktur und der Kernprozesse gebahnt; hier wird das Instrumentarium vieler Forschungszweige wie Festkörperphysik oder Kosmologie erweitert. Kernphysiker und -chemiker der hessischen Universitäten hatten diese Chance frühzeitig erkannt, und das Bundesministerium für wissenschaftliche Forschung will die Mittel zur Verfügung stellen, sie zu nutzen.

Soweit steht alles zum besten.

Kernstück dieses Forschungszweiges ist eine große Maschine, ein Schwerionen-Beschleuniger – Baukosten: 28,6 Millionen Mark, Betriebskosten: 2,8 Millionen pro Jahr. Um dieses etwa hundert Meter lange Gerät soll das Forschungszentrum wachsen, mit Experimentierhallen, Laboratorien, Werkstätten, Hörsaal, Verwaltungs- und Gästehaus. Wo soll es errichtet werden?

Im Wissenschaftsministerium scheint man nicht abgeneigt, SILAB (Abkürzung für Schwerionen-Laboratorium) dem Kernforschungszentrum in Karlsruhe als Dependance beizufügen. Die Initiatoren des SILAB hingegen schlagen als Standort Leonhardstanne, ein dem Land Hessen gehörendes hinreichend großes Grundstück nördlich von Darmstadt vor. Sie plädieren dafür, daß das Schwerionen-Zentrum ein Gemeinschaftsprojekt von den Kernforschungsinstituten der vier hessischen Hochschulen und der Universität Mainz wird. Dafür sprechen viele gute Gründe.

Die hinlänglich bekannte Tatsache, daß die Forschung immer aufwendiger wird, je tiefer sie in die Geheimnisse der Natur eindringt, wird für die Universitäten bedrohlich. Weil nämlich ein Universitätsinstitut allein sich keine Großforschung im modernen Stil leisten kann, werden die wirklich brennenden Aufgaben der Wissenschaft nicht mehr an der Universität, sondern an universitätsfremden Forschungszentren in Angriff genommen. Das aber hat zur Folge: Für die Naturwissenschaftler schwindet mehr und mehr die Gelegenheit, während des Studiums an der Lösung bedeutender Probleme teilzunehmen. Entsprechend sinkt das wissenschaftliche Niveau des Nachwuchses. In den USA, wo man dies längst erkannt hat, haben sich überall, benachbarte Universitäten zu gemeinsamer Großforschung zusammengetan; so bleibt sie im eigenen Bereich und sorgt dafür, daß die Hochschule gute Wissenschaftler hervorbringt.

Das streben auch die hessischen Physiker und Kernchemiker im Falle SILAB an.

Hinzu kommt: Leonhardstanne liegt geographisch denkbar günstig. Von allen beteiligten Universitäten ließe sich das Zentrum im Pendelverkehr erreichen. Karlsruhe hingegen ist zu weit, nämlich im Minimum über 150 Kilometer entfernt. Die Forscher könnten also ihren anderen Pflichten an der Universität kaum mehr nachkommen – von den Studenten, ganz zu schweigen. Leonhardstanne liegt überdies noch in der Nähe von Flugplatz und Autobahn.