In Deutschland neigt man dazu, aus Zufällen Systeme zu machen. (Dieser Satz ist selbst ein halbwegs brauchbarer Beleg dafür.) Wechselt also ein Kritiker seinen Beruf und wird zum Dramaturgen, weil ein Intendant zwei Dramaturgen mit aus München nach Hamburg nahm, dann schreibt ein anderer Kritiker in einem Blatt, das sei ein Symptom – und hängt selbst flugs, von seiner Lehre angesteckt, den Beruf an den Nagel, um bei Suhrkamp Lektor zu werden. Die Personen in der Reihenfolge ihres Auftretens: Urs Jenny von der Süddeutschen Zeitung geht ans Residenztheater; Lietzau ist der Intendant, der Ernst Wendt und Ivan Nagel aus München nach Hamburg lockte, Dieter Hildebrandt fand das in Publik so symptomatisch, daß er als Boehlichs Nachfolger seinerseits ins Verlagswesen „umstieg“.

Seit Nagel, Wendt, Lietzau und Jenny dazu herhalten müssen, Theaterfragen zu „personalisieren“, hat vorübergehend auch das Gerede vom „toten Theater“ aufgehört. Wo so kluge Köpfe dahinterstecken, da kann es nicht so hoffnungslos aussehen.

Wer sich unser Feuilleton diesmal anguckt, der könnte auch meinen, wo es soviel über das Theater zu berichten gäbe, da könnte doch noch längst nicht alles verloren sein. Denn der Subventions-Theaterberg, der in der Vergangenheit so oft kreißte, um harmlose Mäuslein zu gebären, macht zur Zeit ganz hübsch Schlagzeilen: ob es sich um Handkes Schweigeübungen oder um Dorsts „Toller“-Erprobungen handelt. Und jetzt gar wurde in Zürich ein Brecht – spät, aber doch – aus der Taufe gehoben; Dürrenmatt als dramaturgischer Berater Basels hat zum zweitenmal zugeschlagen; Grassens theatralische Auseinandersetzung mit der APO steht unmittelbar vor der Tür; Hochhuth hat sich vor ein englisches Gericht geschrieben; Bazon Brock erachtet den Bremer Stil immerhin einer Polemik für würdig und vice versa Minks Bazon Brock einer schäumenden Antwort; die Zeitschrift THEATER HEUTE stellt eine ganze Reihe junger Theaterleute vor und freut sich angesichts deren Ungebärdigkeit auf die Zukunft; die Diskussion über Strukturänderungen, über eintrittsfreie Theater entzündet sich an allen Ecken und Enden; die spanische Zensur verbietet einen neuen Arrabal – kurz: das Theater spielt zur Zeit lebenden Leichnam.

In der Londoner oder der Stockholmer Diskussion über die Theaterpreise kann man, meine ich, tatsächlich ebensowenig den puren Zufall wüten sehen wie in der Tatsache, daß sich mehr und mehr junge Theaterleute auch an deutschen Bühnen bemerkbar machen.

Das mindestens hat die Krise und das Krisengerede bewirkt.

Aus der späten Brecht-Uraufführung und der Dürrenmattschen Strindberg-Adaption, aus dem Grass-Stück „Davor“ jedoch läßt sich – ebensowenig wie aus Jennys Weggang von der SZ – ein schnelles, optimistisches System

zimmern. Hier ist dann doch der Zufall am Werk, der Besson Zeit gab und der Helene Weigel das Gefühl, es sei nun an der Zeit. Hier lockte Dürrenmatt, was ihn ganz persönlich in die Dramaturgenstube des Basler Theaters getrieben hatte.