Von Richard Harris

Es sieht so aus, als werde China im Jahre 1969 ein ganz anderes Bild bieten als in den letzten beiden Jahren, den Jahren der Großen Kulturrevolution – jedenfalls für den Mann auf der Straße, für das Volk, das nichts anderes will als wieder ein bißchen Frieden, um ein normales Leben zu führen.

Im Herbst 1966 hatten die Ausbrüche der Roten Garden die Hysterie der Kulturrevolution hochgepeitscht. Die Polizei sah zu, wie sie gegen die „vier alten Plagen“ losgelassen wurden – die alten Ideen, die alte Kultur, die alten Sitten und die alten Gebräuche. Eine Zeitlang bedeutete das: willkürliche Angriffe, Beschimpfung, Erniedrigung. Seit damals rangen Rebellen mit Reaktionären und Rebellen mit Rebellen, bis der Punkt erreicht war, an dem niemand mehr wußte, worum es eigentlich ging. Die Führer der rivalisierenden Gruppen hielten den Ringkampf in Gang, denn sie wußten, daß derjenige gewinnen werde, der im Augenblick des Abpfiffs gerade oben war.

Für die Chinesen waren das schlimme Zeiten. Zwar lernen sie von Geburt an, sich den Umständen anzupassen, Harmonie zu wahren, ihre Zunge im Zaum zu halten, Umsicht zu üben und ihr Fähnchen nach dem Winde zu drehen. Doch was soll man tun, so fragen sie verzweifelnd, wenn der Wind erst aus der einen, dann aus der anderen Richtung weht? Ist die Gruppe „Jungarbeiter – unterstützen – die – Gedanken-des-Vorsitzenden-Mao“ die richtige Seite? Oder ist es besser, auf die „Kampf-den-revisionistischen-Ungeheuern“ der Roten Garden zu setzen?

Mit alledem hat es jetzt ein Ende. Vor sechs Monaten ist der Schlußpfiff ertönt; jetzt wird das Feuer der Revolution ausgetreten. Millionen enttäuschter junger Leute kehren in Tausende chinesischer Dörfer zurück; nach ihrem kurzen Leben im Glorienschein der Politik müssen sie nun wieder mit Lehmfußböden, Hausmannskost und harter Arbeit vorliebnehmen; jetzt haben sie mehr mit Dung zu tun als mit Kultur.

Und 1969? Jede Vorhersage fällt schwer. Der 9. Parteikongreß wird stattfinden. Mao wird ihn dominieren, das ergibt sich aus dem Entwurf des neuen Parteistatuts, den er selber verfaßt hat. Die Delegierten sind von den Revolutionsausschüssen der Provinzen ernannt worden; sie werden wohl zu 100 Prozent Mao-Anhänger sein. Eine neue Parteihierarchie wird sich herausbilden; China wird von den Gedanken des Vorsitzenden Mao leben; mit den revisionistischen Anwandlungen ist es vorbei. China wird zu einem großen Spung nach vorn ansetzen, diesmal ohne die Exzesse von 1958.

Freilich, diese Vorhersage gerät schon jetzt ins Wanken. Einige der Revolutionsausschüsse in den Provinzen räumen ein, daß es schwerwiegende interne Differenzen gibt. Keinesfalls werden alle Delegierten Maoisten vom reinsten Wasser sein. Warum müßte Marschall Lin Piao (fortan der Stellvertretende Vorsitzende Lin) in der neuen Parteiverfassung ausdrücklich als Maos Nachfolger proklamiert werden – wenn nicht der Verdacht bestünde, daß ihm sogar eine gesäuberte Partei den Posten verweigern würde? Und wenn Liu Schao-tschi zum Zeichen des maoistischen Triumphes fallen mußte, so fragt es sich, wie viele der alten Führer, die jetzt wieder in die Spitzenpositionen einrücken, zugleich auch an ihrer früheren Politik anknüpfen werden. Kein Chinakenner könnte zwanzig oder auch nur zehn Männer nennen, die sich aus der Masse der Kulturrevolutionäre herausgehoben haben und Aussicht hätten, auch nur halb so lange an der Macht zu bleiben wie jene, die die Verunglimpfung der letzten zwei Jahre ertragen mußten.