Konrad Adenauer: „Erinnerungen 1953 bis 1963. Fragmente“; Band IV; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1968; 375 S., 19,80 DM.

Konrad Adenauer soll kurz vor dem Ende bemerkt haben, es werde bald still um ihn werden; das Zeitalter. sei schnellebig und vergeßlich. Keine so ganz falsche Prophezeiung. Vergleichsweise still war es schon um den Alt-Bundeskanzler, zumal seit er auch den Parteivorsitz aufgegeben hatte. Für den, der keine Macht mehr hat, haben die Politiker wenig Zeit. Dann kam sein Sterben, welches die Leute erregte und ergriff wie kaum ein anderes in Jahrhunderten; so sehr hatten sie sich an die Dauerhaftigkeit dieser menschlichen Institution, des greisen Monarchen, gewöhnt. Es kam die Totenfeier mit ihrem überorganisierten politisch-militärischen Pomp, den er sich keineswegs gewünscht hätte; die wochenlangen Anstrengungen der Television, die Gedächtnisartikel und Bildwerke. Damit hatte der Entschwundene seinen Teil. Für eine historische Würdigung war und ist es zu früh – wenn es dergleichen in Zukunft überhaupt geben wird. Der dritte Band der „Erinnerungen“ fand nicht die Aufmerksamkeit, welche die ersten Bände gefunden hatten.

Der vierte, fragmentarische sollte sie finden. Er enthält interessante Dinge in Fülle. Daß die verbindenden Texte zwischen den Berichten fehlen, macht ihn kürzer, aber in der Sache nicht ungewichtiger. Übrigens sorgen die von Anneliese Poppinga, Adenauers langjähriger Sekretärin, vorzüglich gemachten Zeittafeln dafür, daß der Leser die Zusammenhänge versteht, wenn er sie sucht.

Die Sprache ist die nun vertraute Sprache Konrad Adenauers, des Memorialisten: karg, trocken und sachtreu. Den Gegenstand bilden Unterredungen der Jahre 1959 bis 1963: eine mit Ben Gurion, dem israelischen Ministerpräsidenten; eine mit John F. Kennedy, dem neuen amerikanischen Präsidenten; ein paar „Viererbesprechungen“ – Eisenhower, de Gaulle, Adenauer, Macmillan –, bei denen Platitüden gewechselt wurden; elf Begegnungen mit de Gaulle, die sich, weil sie jeweils zu mehreren Tageszeiten oder an mehreren Tagen stattfanden, insgesamt zu etwa zwanzig Gesprächen summieren; ein Gespräch mit Debré, dem Mundstück de Gaulles; eines mit Antoine Pinay, über de Gaulle, so daß der General in diesem Bande durchaus dominiert. Man hätte diesen Band auch „Gespräche mit de Gaulle nennen können. Statt dessen erhielt er den Untertitel „Sorge um Europa“, der auch passend ist; denn um Europa, Frankreich und Deutschland in Europa, ging es bei den Begegnungen der beiden greisen Magier zumeist. In einem Anhang ist Adenauers Schwanengesang gedruckt; die Madrider Rede vom Februar 1967. Ein schlichtes Stück Arbeit auch sie, aber ein sehr drängender, rührender, aus traurigem Herzen kommender Appell. Adenauer war es ernst mit seinem Europäertum. Fast könnte man sagen, er sei der erste europäische Politiker gewesen, den es je gegeben hat. War er der letzte?

Ist de Gaulle der letzte? Mindestens nicht so einfach der Zerstörer der „europäischen Idee“, wie man ihm nachsagt. So war in den Jahren, von denen der Band handelt, mein Verdacht; er wird durch Adenauers Notizen überreichlich bestätigt. Man könnte dagegen einwenden, was Pinay einmal gegen den Gesprächspartner de Gaulle warnend einwandte: „Wenn der General rede, müsse man vorsichtig sein, denn er manövriere dabei.“ „Er habe die Tendenz, die Dinge so zu sehen, wie er sie sich wünsche, und er sei überaus hochmütig.“ Sicher, de Gaulle gehört zu den Politikern, die für sich einnehmen wollen und aus dem unerschöpflichen Korb der Argumente gern die klauben, welche in das Gespräch passen – was ja wohl zum Wesen der Diplomatie gehört. Jedoch ist es nur eine Seite der Sache. Auf der anderen konnte er von intelligenter, überzeugend-brutaler Offenheit sein. De Gaulle, 1961, über Holland, Belgien und Luxemburg:

„Unter den Sechs gebe es drei, die instinktiv vor einer politischen Zusammenarbeit Angst hätten, und zwar vor der Zusammenarbeit des Potentials und der Macht sowie der Ziele dieser Mächte. Die drei befänden sich nicht in derselben Lage wie Frankreich und Deutschland, und deswegen wünschten sie eigentlich diese Zusammenarbeit nicht. Natürlich sagten sie dies nicht laut, sondern würden es hinter Vorwänden verbergen. Sie sagten nicht, daß man Europa nicht schaffen solle, denn irgendwo wollten sie dieses Europa auch, aber sie wollten es, ohne es wirklich zu wollen. Wie sich aus den Gesprächen im Februar 1961 ergeben habe, glaubten diese Länder, daß eine Wirtschaftsgemeinschaft und eine Montanunion ausreichten, um Europa zu schaffen, und daß man lediglich diese Gemeinschaften zusammenzulegen brauche. Natürlich wüßten auch diese Länder, daß dies letztlich nicht stimme, daß ein Gemisch aus Hallstein und der Montanunion nicht Europa darstelle. Da sie aber diese Einstellung hätten und da andererseits Frankreich und Deutschland diese Länder dabei haben wollten, denn dies könne auch sehr nützlich sein, warte man ab und verliere Zeit. Dies sei sehr bedauerlich, zumal alles für eine politische Zusammenarbeit in Europa spreche: europäische Gründe und weltweite Gründe, und dennoch tue man nichts. Frankreich sei niemandem böse deswegen, aber es stelle eben die Tatbestände bedauernd fest.“

Über die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft: „Die EWG sei geschaffen worden. Ihre Entwicklung werde sogar beschleunigt werden, es werde aber noch zehn Jahre dauern, bis sie ihre volle Anwendung fände. Er frage sich aber, ob diese Wirtschaftsgemeinschaft lange leben werde, wenn gerade in der politischen Zusammenarbeit keine weiteren praktischen Schritte unternommen würden. Unter den Sechs und sogar in der deutschen Regierung machten sich Zentrifugalkräfte bemerkbar, die bislang nur deswegen noch nicht stark geworden seien, weil man davon ausgehe, daß die EWG auf einer politischen Grundlage beruhe. Wenn jedoch auf dem politischen Gebiet nichts weiter geschehe, fürchte er, daß die Zentrifugalkräfte die Wirtschaftsgemeinschaft zur Auflösung treiben würden. Rein wirtschaftlich könne sowohl Deutschland als auch Frankreich ohne weiteres ohne die Wirtschaftsgemeinschaft auskommen. Genauso wie die Zölle innerhalb der Sechs gesenkt worden seien, könnte dies morgen gegenüber England und Amerika geschehen, ohne daß dies zu einer Katastrophe führen würde. Wenn sich aber die Wirtschaftsgemeinschaft auflösen würde, weil sie keine politische Ergänzung erführe, wäre Europa wohl für immer zersplittert, und man hätte dann die historische Chance verpaßt.“