Die beiden langen Gespräche Hitlers mit Richard Breiting, die im Mai und Juni 1931 stattfanden und deren stenographische Mitschrift jetzt ans Licht gekommen ist, sind ein historisches Dokument ersten Ranges. Sie sind außerdem gerade jetzt, da in der Bundesrepublik Deutschland eine neo-nazistische Partei wieder von sich reden macht, von hoher – man könnte sagen: von beklemmender Aktualität:

Edouard Calic: „Ohne Maske. Hitler–Breiting Geheimgespräche 1931“; Vorwort von Golo Mann; Societäts-Verlag, Frankfurt 1968; 233 S., 12,80 DM.

In diesen beiden Gesprächen sehen wir Hitler in Aktion – und zwar nicht den Massenredner und Demagogen Hitler, sondern den Politiker Hitler, der im vertraulichen Gespräch alle seine Künste spielen läßt: werbend, überredend, einschüchternd, schockierend, verführend. Dokumente dieser Art, die Hitlers politische Methode illustrieren und die allein seine heute oft unbegreiflich scheinenden jahrelangen Erfolge erklären können, besaßen wir bisher nur wenige.

Hitler ist noch nicht „der Führer“, er ist noch ein Privatmann, ein noch nicht zur Macht gekommener, noch um die Macht ringender Politiker. Wir hören ihm zu, wie er einen einflußreichen rechtsbürgerlichen deutschen Chefredakteur, von dem er sich Vorteile verspricht, zum Bundesgenossen zu gewinnen sucht. Das Gespräch hat noch eine gewisse Intimität, es geht noch von gleich zu gleich. Es ist erstaunlich, wieviel er ausplaudert. Fast sein gesamtes innen- und außenpolitisches Programm kommt nach und nach heraus – und es ist, nebenbei bemerkt, von hohem Interesse zu erfahren, wieviel von diesem Programm schon zwei Jahre vor der Machtergreifung bis in die Einzelheiten hinein feststand.

Psychologisch das Faszinierendste an diesen Unterhaltungen, von denen Hitler mehr als neun Zehntel bestreitet, aber ist die Mischung von zwanghaftem Mitteilungsdrang und Raffinement. Wobei das Nachgeben gegenüber dem eigenen Mitteilungsdrang sogar ein Teil des Raffinements ist: Hitler gibt sich scheinbar – und oft nicht einmal nur scheinbar – rückhaltlos preis; je mehr er in Fahrt kommt, um so weniger hält er mit seinen wirklichen Absichten, auch den haarsträubendsten, hinter dem Berg. Aber die ganze Zeit merkt man: Er weiß genau, was er tut. Er verliert nie den Kontakt mit seinem Zuhörer. Wenn er ihn gelegentlich erschreckt, geschieht das absichtlich: Er hat es im Gefühl, daß der Schrecken, den er ihm in die Glieder jagt, ein süßer Schrecken ist, daß er den Erschreckten zugleich schon halb mitreißt. Bis zum letzten geht er immer nur da, wo er unter dem zögernden „Nein“ seines Gesprächspartners schon ein heimliches „Ja“ spürt, eine schüchtern jubelnde innere Zustimmung, die sich nur noch nicht heraustraut. Wo er spürt, daß diese Resonanz ausbleibt, weiß er im vollen Galopp innezuhalten; schon im Begriff, auch mit der Endlösung der Judenfrage herauszurücken, bricht er ganz plötzlich ab: Das „jüdische Problem“ sei „eine sehr komplizierte Angelegenheit. Ich möchte heute nicht darauf eingehen“.

Der Partner dieser Gespräche, Richard Breiting, ist auf seine Art nicht weniger interessant als Hitler. Hitler ist interessant, weil er so singulär, Breiting, weil er so typisch ist. Ja, man könnte geradezu sagen: Das Interesse dieser Gespräche liegt darin, daß sie intime Gespräche zwischen Hitler und Deutschland sind, oder jedenfalls einem sehr maßgebenden und wichtigen, auch heute noch sehr maßgebenden und wichtigen Teil Deutschlands. Was wir hier mitansehen und mitanhören, ist ein Zusammenstoß, der unversehens ein Zusammenspiel wird, ist das beginnende Bündnis Hitlers mit dem deutschen Bürgertum – dem „nationalen“, konservativen, scheinbar so prinzipienfesten, in Wirklichkeit so labilen deutschen Besitzbürgertum.

Breiting ist ein sehr typischer Repräsentant dieses deutschen Bürgertums, das heute die Bonner Republik noch ausschließlicher beherrscht als damals die Weimarer; ein sehr typischer, und bei weitem nicht der schlechteste. Er war offenbar ein Mann von erheblichen Fähigkeiten, langjähriger Chefredakteur der „Leipziger Neuesten Nachrichten“, einflußreich in der Politik der bürgerlichen Rechtsparteien und insbesondere in sächsischer Landespolitik; eine kommunistische Zeitung nannte ihn einmal den heimlichen Diktator Sachsens. Er gehörte der gemäßigteren der beiden Weimarer Rechtsparteien an, der Deutschen Volkspartei Stresemanns. Heute wäre er, wenn er noch lebte, fast sicher ein führendes Mitglied der CDU. Er war mit Gördeler befreundet, dem nach dem 20. Juli 1944 hingerichteten bürgerlichen Opponenten Hitlers. Immerhin, schon 1930/31 hatte er seine Zeitung auf einen wohlwollend-neutralen Kurs gegenüber Hitler gesetzt; der unmittelbare Anlaß seiner Besuche bei Hitler war sein Bestreben, eine Art Burgfrieden zwischen den „Leipziger Neuesten Nachrichten“ und der örtlichen Nazipresse zu erzielen. Darüber hinaus war er wohl auch im Interesse der politischen Kreise, zu denen er gehörte, überhaupt darauf aus, abzutasten, ob sich mit diesem neuerdings so erfolgreichen Demagogen nicht für die bürgerliche Rechte etwas anfangen ließe.