Von Konrad Zweigert
Deutschland erlebte vor fünfzig Jahren einen revolutionären Umsturz. Sind wir etwa heute schon im Begriff, dergleichen zu erleben, und sind wir vielleicht veranlaßt, die Rolle des Richters unter ganz neuen Aspekten zu sehen? Die intensiven kritischen Aktionen in Wort und Tat, die sich heute gegen die Justiz richten, ereignen sich nicht nur bei uns, sondern auch in Österreich und Italien, weniger in Frankreich, dafür aber besonders heftig in England und in den Vereinigten Staaten.
Darüber erstaunt zu sein, wäre nur dann gestattet, wenn unsere Gesellschaft noch dieselbe wäre wie etwa im Jahre 1949. Die Entwicklung von Naturwissenschaft, Technik und Industrie hat einen stürmischen Charakter angenommen, der Wertkonflikte schafft und Ängste vor schon beginnenden und künftig wachsenden Manipulationen des menschlichen und gesellschaftlichen Lebens aufkommen läßt. Man denke nur an die antihumanen Möglichkeiten, die in der Atomkraft, in der elektronischen Datenverarbeitung und in den Ergebnissen der modernen Biologie liegen. Solchen Ängsten, wo sie in der Sorge um Humanität und individuelle Freiheit wurzeln, dürfen wir nicht à priori verständnislos und ablehnend gegenüberstehen. Daß Planungen und Steuerungen großen Stils nötig sein werden, ist vorauszusehen; daß bis zur geistigen Bewältigung der neuen Lage Fehlplanungen, Ungleichgewichtigkeiten, Rückschläge und Katastrophen nicht ausbleiben; ist wahrscheinlich.