Richterrecht als kasuistische Ausfüllung der vom Gesetz undeterminierten Räume ist denknotwendig Bestandteil einer jeden Rechtsordnung. Daß bei aller unvermeidlichen Relativität von Recht und Gerechtigkeit nicht die subjektiven Meinungen des Richters willkürlich in diese Räume einfließen, dafür sorgt nicht nur die, höhere Instanz. Dafür sorgt schon das richterliche Gewissen, wenn es den Objektivierungen gegenüber geöffnet ist, die durch die Verfassung und den Geist der gesamten Rechtsordnung deutlich gezeichnet werden.

Wenn wir uns Gedanken über die Rolle des Richters, als „social engineer“ machen, müssen wir auch an die Richter, der Zukunft denken und fragen, ob sie dafür in ihrer Ausbildung zureichend gerüstet werden. Savigny schrieb 1814 in seiner berühmten Schrift „Vom Beruf unserer Zeit“: Das Recht habe kein Dasein für sich, sein Wesen sei vielmehr das Leben des Menschen selbst, von einer besonderen Seite gesehen.

Ist der Vorwurf, man habe aus dieser zutreffenden These in Rechtswissenschaft und Rechtsprechung, also auch in der Ausbildung der Juristen, nicht die nötigen Folgerungen gezogen, etwa nicht ernst zu nehmen? Auch darüber müssen wir energischer und mit wichtigen praktischen Konsequenzen nachdenken. Es wird in vielen Gremien eifrig und mit bestem Willen an einer Reform der Juristenausbildung gearbeitet. Aber eines wird nicht mit der nötigen Schärfe gesehen: daß der Jurist als Folge seiner Ausbildung an der Universität und in der Praxis zu wenig von der Lebenswirklichkeit der Gesellschaft weiß.

Natürlich ist es richtig-, daß die Rechtsprechung von jeher sich am sozialen Leben zu orientieren hatte. Diese unerläßliche Orientierung konnte indessen früher bis in die Anfänge unseres Jahrhunderts hinein mit Allgemeinbildung und Lebenserfahrung bewältigt werden. Die Menschen lebten in einer heilen und überschaubaren Welt, die durch feststehende und allgemein akzeptierte Ordnungsvorstellungen geprägt war. Das aber gilt nicht mehr für unsere instabil gewordene Gesellschaft. Der Jurist, der nur an der Systematik der Gesetzbücher, an der von der Rechtswissenschaft entwickelten, bis zum intellektuellen Spiel vorgetriebenen Dogmatik und an den Methoden der Interpretation geschult ist – dieser Jurist sieht nicht mehr als einen schmalen Ausschnitt der Welt, an deren Weiterentwicklung er bauen, deren Vernichtung er verhindern will.

Ich selbst erinnere mich gut, als ich vor gar nicht so langer Zeit begann, mich mit dem Europarecht zu befassen, welcher Schrecken mich über mein Maß an Nichtwissen über die ökonomischen Zusammenhänge befiel. Soziologie, Anthropologie, Volkswirtschaftslehre, Psychologie sind Wissenschaften, die zwar die Rechtswissenschaft gewiß nicht ersetzen. Aber ohne deren Kenntnis fällt die Rechtswissenschaft in einen „vorwissenschaftlichen Zustand“ zurück. Dem Richter fehlt die Fülle der Gesichtspunkte, deren er zu einer wirklichkeitsnahen Verwirklichung seiner schweren Aufgabe bedarf. Ich zähle auch die positive Gehirnwäsche der Rechtsvergleichung hierzu.

Die Vertrautheit des Juristen mit diesen Materien war vor vierzig Jahren weit besser als heute. Rechtssoziologische Lehrstühle an den Universitäten sind heute eine Rarität; Wirtschaftswissenschaften werden, nicht mehr geprüft, also nicht gelernt; Psychologie wird bestenfalls als Hobby ein wenig „anstudiert“. Trotz der Freirechtsschule und der Interessenjurisprudenz, die sicher Fortschritte gebracht haben, steht die unerläßliche Neubestimmung der Grundlagen der Jurisprudenz noch aus.

Die Vernachlässigung der Rechtssoziologie hat ihren Grund wahrscheinlich in der Abwehrstellung des Nazismus gegen die Soziologie und in der Tatsache, daß eine Reihe hervorragender Rechtssoziologen Juden waren und emigrieren mußten – womit dann auch der Nachwuchs verebbte. Ob die mit dieser Wissenslücke einhergehende Dogmatisierung auch der Rechtsprechung die Ursache für ein schwindendes Vertrauen in die Justiz ist; die ich einer Meinungsumfrage aus dem Jahre 1964 entnehme, weiß ich nicht. Aber auszuschließen ist das nicht, ich. würde es für sehr wahrscheinlich halten. Nach dieser Umfrage waren nur 24 Prozent der Bevölkerung der Meinung, daß die meisten Richter aufgeschlossen und fortschrittlich seien und Verständnis für die Probleme unserer Zeit zeigten.