Von Kurt Wendt

Als der Vorstandsvorsitzende der Zellstofffabrik Waldhof in Mannheim, Dr. Friedrich Dorn, das Schreiben in Händen hielt, in dem Hermann D. Krages ihm mitteilte, daß er jetzt Besitzer von 25 Prozent des 78 Millionen Mark betragenden Waldhofkapitals sei, war ein bis dahin sorgfältig gehütetes Börsengeheimnis gelüftet. Jetzt wußte man, wer in letzter Zeit den Zellwaldkurs bis 250 Prozent heraufgetrieben hatte, ein Stand, der sich selbst dann kaum rechtfertigen ließe, wenn Zellwald für 1968 eine höhere Dividende als zuletzt 6 Prozent ausschütten würde. Trotz des beachtlichen Aufschwungs der Branche, so meint die gewerkschaftseigene Bank für Gemeinwirtschaft, wird es in Zukunft wieder zu Überkapazitäten und Preisrückgängen kommen. Deshalb wird ein Kauf von Papieraktien (gemeint sind Zellwald und Aschaffenburger Zellstoff) als eher "mittelfristig" empfohlen, was in der Börsensprache heißt: Diese Aktien braucht man gegenwärtig nicht zu haben und nicht zu kaufen.

Nun wird niemand im Ernst annehmen, daß Hermann D. Krages, früher Bremen, heute Chur in der Schweiz, Zellwaldaktien erworben hat, um sein Geld anzulegen. Krages, den der britische "Manchester Guardian" einmal den Napoleon des deutschen Aktienmarktes genannt hat, will sicherlich mehr. Eines dürfte er allerdings kaum beabsichtigen: Einfluß auf die Geschäftsführung zu nehmen. Wenn er hätte mitreden wollen, so wären seine Chancen, in den Waldhofaufsichtsrat zu gelangen, nicht schlecht gewesen. Seit vielen Jahren besitzt er etwa 10 Prozent des Waldhofaktienkapitals und war damit einer der größten Einzelaktionäre.

Krages wäre vermutlich nicht einmal ein schlechter Aufsichts"rat" gewesen, denn von der Branche versteht er recht viel. Die Holzplattenwerke seiner Firma, besonders das Werk in Leutkirch, zählen zu guten Kunden des Mannheimer Unternehmens. Aber es ist Krages in seiner bewegten Nachkriegslaufbahn nie um Aufsichtsratssitze gegangen. Bei ihm zählte Prestige wenig, Geld aber viel. Selbst nachdem er durch geschickte Börsenspekulationen vorübergehend mehr als eine Viertelmilliarde Mark verdient hatte, änderte sich sein persönlicher Lebensstil und der seiner Familie kaum. Er blieb damals in der Einfamilienvilla in Bremen-Schwachhausen im Patrizierstil wohnen, verzichtete auf Chauffeur und Luxuslimousine und fuhr seinen Volkswagen höchst eigenhändig. Für größere Fahrten hatte er eine Streckenkarte der Bundesbahn.

Seine drei Söhne und zwei Töchter wurden ebenfalls zu Bescheidenheit angehalten. Skandale um das Privatleben des heute Sechzigjährigen hat es nie gegeben. Um seine Transaktionen an der Börse um so mehr. Ehe er aber seinen Ruf, Deutschlands größter Nachkriegsspekulant zu sein, begründete, hatte Krages sich zunächst um den Wiederaufbau seiner eigenen Firma zu kümmern. Vom Vater, der einstmals im Bremer Freihafen das größte Hobel- und Sägewerk Europas besaß, erbte er eine Sperrholzfabrik in Königsberg. Dieses Unternehmen vergrößerte er vor dem Zweiten Weltkrieg um Holzfaserplatten- und Sägewerke. Sie gingen ihm durch den Kriegsausgang bis auf einen Filialbetrieb in Scheuerfeld verloren.

Von der Nachkriegsbaukonjunktur begünstigt, baute sich Krages wieder ein leistungsfähiges Unternehmen auf. Am eigenen Erfolg wurde ihm bewußt, welche Kräfte in der deutschen Wirtschaft schlummerten. Er glaubte schon 1948 an das deutsche Wirtschaftswunder und an den Wiederaufschwung der Industrie.

Konsequent begann er, Aktien der damals noch nicht entflochtenen, aber unter alliierter Aufsicht stehenden Vereinigten Stahlwerke zu kaufen. Kurs 15 Prozent. Um sein Risiko richtig einzuschätzen, muß man wissen, daß seinerzeit noch um die Entflechtungspläne verhandelt wurde, daß es alliierte Produktionsverbote gab und daß die Engländer darauf drangen, die gesamte deutsche Montanindustrie zu verstaatlichen. Während des Koreakrieges machte Krages die Holzläger seiner Firmen zu Geld und verstärkte seine Aktienkäufe. Inzwischen wären die Stahlvereinsaktien aber schon auf 50 Prozent geklettert. Für eine Aktie über 1000 Reichsmark mußte Krages 500 Mark hinblättern. 1956 hatte Krages aber schon an jeder der zu 500 Mark erworbenen Aktien 5500 Mark verdient – und zwar zum überwiegenden Teil steuerfrei.