Von Heinz Michaels

Das Wochenende vom 1. zum 2. Februar bot den Angestellten der Verkaufsabteilungen der Reemtsma-Werke kein Privatleben. In 7000 Tabakfachgeschäften und in einer Vielzahl von Lebensmittelgeschäften räumten die Reemtsma-Leute die weißen R-6-Packungen aus den Regalen, sammelten die auf den Tresen aufgestellten Pappschilder ein und stapelten statt dessen neue Packungen mit zwei braunen Ringen auf.

Entgegen allen Spruchweisheiten hatten sich die Reemtsma-Manager entschieden, mitten im Fluß die Pferde zu wechseln und ein neues Produkt unter dem gleichen Namen anzubieten. Mitten im Fluß – das heißt mitten in der Einführungskampagne, denn die „R-6“-Cigarette (bei Reemtsma schreibt man Zigarette konservativ noch immer mit einem C) war erst vier Monate vorher, im September letzten Jahres, wieder auf den Markt gekommen.

„Ein in der Geschichte des Markenartikels einmaliger Fall“, meinte ein Hamburger Marketing-Fachmann. Und auch Rudolf Schlenker, Geschäftsführer der „Reemtsma Cigarettenfabriken GmbH“, erinnert sich an keine Parallele.

Die „Atombombe“ – als solche war die R 6 in der Branche gefürchtet worden, solange sie noch in der Schublade lag – hatte nicht gezündet.

Über zwei Jahrzehnte lag die „R 6“ in der Schublade. Nachdem das Unternehmen sich mit der NS-Einheitsmischung und später mit Testmarken wie „Collie“ und „Fox“ über die Kriegs- und Nachkriegsjahre hinweglaviert hatte, war im Frühjahr 1956 die erste Zigarette auf dem Markt erschienen, auf deren Packung wieder der Name Reemtsma gedruckt war: „Ernte 23.“

Statt als ovale Orientzigarette wie vor dem Krieg, präsentierte sich „Ernte 23“ jetzt als Filterzigarette vom Typ „American Blend“. Seit die „B.A.T.-Zigarettenfabriken GmbH“, der große Reemtsma-Konkurrent, ein Jahr zuvor die Marke HB auf den Markt gebracht hatte, hatte sich der Anteil von Filterzigaretten von 8,4 auf 19,6 Prozent mehr als verdoppelte „Ernte 23“ folgte dem Trend. Die Marke folgte auch bis heute der HB – jede fünfte in der Bundesrepublik gerauchte Zigarette ist eine HB – und placierte sich mit einem Marktanteil von 15,5 Prozent in der Gunst der Raucher an zweiter Stelle.